Wie so oft blickte Romário auf den historischen Triumph von 1994 zurück und verglich den damaligen Druck mit dem auf den Schultern der heutigen Generation. Eine Gemeinsamkeit eint beide Teams: eine vorangegangene, 24 Jahre lange Durststrecke ohne WM-Titel.
Der Ex-Star beobachtet eine Seleção, die sich im Laufe des Turniers steigert, und zeigt sich nach dem klaren 3:0-Sieg gegen Schottland sichtlich angetan. Darüber hinaus äußerte sich Romário zu den politischen Turbulenzen bei seinem Ex-Klub Vasco da Gama und sprach über die Herausforderungen, die er aktuell als Präsident von America-RJ bewältigt.

Wir stecken mitten in der Weltmeisterschaft. Für dich ist es eine ganz besondere WM – nicht nur wegen des Austragungsortes USA, sondern auch wegen deines eigenen Kanals, Romário TV. Hättest du mit diesem Erfolg gerechnet?
Ich erlebe gerade eine sehr intensive und völlig neue Lebensphase, die ich in vollen Zügen genieße. Ich war mir von vornherein sicher, dass die Resonanz hier in den USA positiv sein würde. Immerhin verbinden uns nach der WM 1994 – als wir nach 24 Jahren endlich den vierten Titel holten – wunderschöne Erinnerungen mit diesem Land. Ich wusste, dass sich die Menschen gerne daran zurückerinnern würden. Dass es nun aber sogar noch besser läuft als erwartet, freut mich umso mehr.
Romario: Siegeswille als Schlüssel für Brasilien
Die Seleção steht im Achtelfinale und steht unter dem enormen Druck, Ergebnisse liefern zu müssen. Auch ihr wart 1994 in einer ähnlichen Situation. Inwiefern ist ein solcher Druck Fluch oder Segen?
Man muss bedenken: Als wir damals aus Brasilien abreisten, hat kaum jemand an uns geglaubt. Wir wurden eher wie ein Team behandelt, das einfach nur mitspielt. Selbst nach unserem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Uruguay hatten weder die Fans noch die Medien das Gefühl, dass wir Weltmeister werden könnten. Die Gruppenphase haben wir übrigens ähnlich beendet wie die aktuelle Seleção: mit zwei Siegen und einem Unentschieden.
Der einzige Unterschied ist die Reihenfolge: Das heutige Team startete mit einem Remis und gewann die folgenden zwei Spiele, während wir erst Russland und Kamerun schlugen und dann gegen Schweden unentschieden spielten. Doch wir sind damals schon mit dem festen Glauben an den Titel im Kopf angereist. Uns war bewusst, dass es hart wird. Rein spielerisch waren wir vielleicht nicht die absolut stärkste Mannschaft des Turniers, aber unser unbedingter Siegeswille war am Ende der entscheidende Faktor.
Erkennst du diesen absoluten Willen auch bei der aktuellen Mannschaft?
Im Auftaktspiel ehrlich gesagt noch nicht. Im zweiten Spiel war bereits eine Steigerung zu sehen, und nach der dritten Partie habe ich gemerkt: Dieses Brasilien reißt mich wirklich mit. Ich finde, ab dem Schottland-Spiel hat die Mannschaft gezeigt, welches Gewicht und welche Bedeutung dieses Trikot eigentlich hat.
Wie bewertest du die aktuelle Lage bei Vasco da Gama? Es wirkt kompliziert mit der Politik und Pedrinho an der Spitze. Du bist selbst Klubpräsident – wie schwer ist diese Aufgabe?
Die Situation ist in der Tat extrem schwierig. Pedrinho steht bei der Führung von Vasco vor gewaltigen Hürden. Ich bin derzeit Präsident von America-RJ. Der Verein befindet sich allerdings in einer ganz anderen Situation als Vasco. America gehörte früher zu den großen Namen in Rio, ist aber nach vielen Problemen in den letzten Jahren komplett im Wiederaufbau. Wir versuchen dort aktuell, mit allen Kräften zu helfen.
Vasco hat es in dieser Saison einfach noch nicht geschafft, einen konkurrenzfähigen Kader zusammenzustellen. Wenn man dann auf traditionsreiche Top-Klubs wie Flamengo, Corinthians, Cruzeiro, Atlético oder Palmeiras trifft, wird es eng. Schon vor dem Anpfiff stehen die Vorzeichen oft schlecht, und dadurch treten die Gegner Vasco gegenüber heute mit deutlich mehr Selbstbewusstsein auf, als es zu meiner aktiven Zeit der Fall war.
