Lennart Karl bekommt Nachhilfe beim Bundestrainer: "Ich mache mir gar keinen Druck"

Aktualisiert
Lennart Karl steht vor seinem Debüt im DFB-Team
Lennart Karl steht vor seinem Debüt im DFB-TeamČTK / imago sportfotodienst / Frank Hoermann / SVEN SIMON

Lennart Karl steht vor seinem Nationalmannschaftsdebüt. Es wäre die vorläufige Krönung eines rasanten Aufstiegs.

In der Mathematik-Abschlussprüfung für bayrische Realschulen hätte Lennart Karl im vergangenen Jahr ganz praxisnah arbeiten können. Für eine Fußballerin "Alexandra" war darin zu berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie ihre Elfmeter verwandelt, wenn zugleich ein bestimmtes Netzmuster den Weg ins Tor erschwert.

Anruf von Nagelsmann versäumt

An solchen Beispielen tüftelte Lennart Karl, als während seiner Mathe-Nachhilfe sein Handy klingelte. Julian Nagelsmann befand sich am anderen Ende der Leitung und wollte die frohe Kunde der erstmaligen Nominierung für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft überbringen. Doch Karl konnte erst mit "fünf Minuten" Verspätung zurückrufen. "Dann hat er es mir gesagt", berichtete der 18-Jährige. Seitdem kann er sich ziemlich gute WM-Chancen – Achtung, Wortspiel! – ausrechnen.

Nagelsmann findet das hervorragend. Er kann einen kreativen, mutigen Spieler für die offensive Außenbahn bestens gebrauchen. Der DFB-Trainer freut sich auch, dass der Jungstar die richtigen Prioritäten setzt: "Ich hätte ihn geschimpft, wenn er direkt rangegangen wäre", so Nagelsmann, "Was der Lehrer sagt, ist wichtiger, als das, was der Bundestrainer sagt." 

Match-Center: Schweiz vs. Deutschland

Steiler Aufstieg

Auf dem Spielfeld versprühte Karl zuletzt nicht dieselbe Unbekümmertheit wie bei seinen ersten Einsätzen für die Profi-Mannschaft vom FC Bayern. Plötzlich schien der Kopf eine Rolle zu spielen.

Von medialer Kritik hält Karl nichts, seine Trainer dürfen aber Verbesserungsvorschläge machen
Von medialer Kritik hält Karl nichts, seine Trainer dürfen aber Verbesserungsvorschläge machenREUTERS/Michaela Stache

Wen wundert's! In Karls Leben hat sich im Eiltempo einiges geändert. Vor vier Jahren spielte er noch für die U15 von Viktoria Aschaffenburg, nun gilt er als Hoffnungsträger für die kommende Weltmeisterschaft. Am Dienstag lief er beim Training in Herzogenaurach erstmals als potenzieller A-Nationalspieler auf.

Neue Hürden

Bald darf er ein Sponsoren-Auto von Bayern München sein Eigen nennen, ein Umzug steht ihm ebenfalls bevor. Das Internat soll verlassen, München erobert werden.

Mit dem Führerschein im Portemonnaie "fühlt man sich einfach ein bisschen freier", sagt Karl, "auch wenn mir meine Eltern immer noch sagen, was ich machen soll und was nicht". Das hilft bei der Bodenhaftung, einem weiteren Thema, dem sich Karl bereits stellen musste.

Flirt mit "Traumverein" Real

Dort ist alles toll und schön – aber irgendwann möchte der Flügelstürmer unbedingt bei Real Madrid spielen. Dass er die Königlichen öffentlich als "Traumverein" bezeichnete, kam an der Säbener Straße nicht besonders gut an. Vincent Kompany nannte es einen "kleinen Kommunikationsfehler".

Im April darf er sich immerhin schon mal gegen den spanischen Giganten im Viertelfinale der Champions League beweisen. Sofern Kompany ihn spielen lässt.

"Ich mache mir gar keinen Druck"

Denn dies war zuletzt keineswegs selbstverständlich. Karl kam mehrfach spät von der Bank, blieb zudem mehrfach ohne Einsatz, sein letztes Bundesliga-Tor erzielte er Mitte Januar. Zuletzt überzeugte er beim - durch das Hinspiel nahezu bedeutungslosen - 4:1 gegen Atalanta Bergamo jedoch wieder wie in den ersten Tagen. "Er geht aufs Feld und ist mutig. Das liebe ich", lobte Joshua Kimmich am Dienstag.

Die Unbekümmertheit ist also noch vorhanden. "Ich mache mir gar keinen Druck", sagt Karl. "Ich spiele meinen Fußball runter, und dann hoffe ich mal, dass es gut klappt. Und dass ich bei der WM dabei bin." Auch wenn es hier und da noch ein wenig Nachhilfe braucht.

Karls junge Profi-Karriere hat große Höhen, aber auch schon kleine Tiefen erlebt
Karls junge Profi-Karriere hat große Höhen, aber auch schon kleine Tiefen erlebtREUTERS/Kai Pfaffenbach