Spanischer Edeljoker: Kann Borja Iglesias der Fernando Llorente von 2026 werden?

Kann Borja Iglesias der Fernando Llorente von 2026 werden?
Kann Borja Iglesias der Fernando Llorente von 2026 werden?IMAGN IMAGES via Reuters/Brett Davis

Während das Spiel der spanischen Nationalmannschaft heute vor allem von extremem Tempo und engen Räumen lebt, bietet das klassische Mittelstürmer-Profil von Borja Iglesias eine echte Alternative für Luis de la Fuente. Mit 18 Saisontoren für Celta de Vigo und einer beeindruckenden Effizienz im Strafraum könnte der 33-Jährige in engen Partien die Rolle des ultimativen Vollstreckers übernehmen – ganz wie einst Fernando Llorente im Jahr 2010, als die Roja am Ende den Weltmeistertitel feierte.

Der historische Vergleich drängt sich förmlich auf. Am 29. Juni 2010 belagern sich Spanien und Portugal im WM-Achtelfinale von Kapstadt. Das Spiel ist zäh, taktisch geprägt, beide Teams neutralisieren sich komplett. In der 58. Minute entscheidet sich Vicente del Bosque für einen radikalen Kurswechsel: Er nimmt den glücklosen Fernando Torres vom Feld und bringt Llorente. Für den Angreifer des Athletic Club – in der Hierarchie eigentlich nur die Nummer drei hinter Torres und David Villa – ist es der erste und einzige Einsatz bei diesem Turnier.

Doch in nur 30 Minuten verändert er das Gesicht der Roja. Seine physische Präsenz im Zentrum zwingt Portugals Innenverteidigung zum Rückzug, schafft Räume für Xavi und Andrés Iniesta und ermöglicht es Villa, in die Tiefe zu stoßen. Nach feinem Zusammenspiel erlöst Villa Spanien mit dem goldenen Tor zum Viertelfinale. Die Presse feiert Llorentes Einfluss frenetisch. Kurioserweise setzt del Bosque ihn im weiteren Turnierverlauf keine Sekunde mehr ein. Wenn Llorente am 11. Juli in Johannesburg den WM-Pokal in den Nachthimmel stemmt, ist er der Weltmeister mit der 30-Millionen-Euro-Wirkung für eine halbe Stunde Einsatzzeit. Eine Episode, die den Spaniern bis heute im Gedächtnis eingebrannt ist.

"Hoffe, einen ebenso wichtigen Beitrag zu leisten"

Borja Iglesias kennt diese Geschichte genau – und macht daraus kein Geheimnis. "Fernando ist eines der wichtigsten Vorbilder für jeden Stürmer, besonders in Spanien", schwärmte er am Samstag in einer improvisierten Mixed Zone nach dem Training. "Mit ihm verglichen zu werden, ist eine Ehre und ein Privileg – für den Stürmer, der er war, und für den großartigen Menschen, der er ist. Ich hoffe, auf seinem Niveau zu sein und einen ebenso wichtigen Beitrag leisten zu können."

16 Jahre nach dem Triumph von Südafrika hat sich das Gesicht der Nationalmannschaft stark gewandelt. Tore werden nicht mehr von klassischen Knipsern wie Villa oder Torres erwartet, sondern von agilen, technisch versierten Tempomachern wie Lamine Yamal, Ferran Torres und Dani Olmo. Als flexible Sturmspitze agiert oft Mikel Oyarzabal, der sich tief fallen lässt, um spielerische Lösungen zu kreieren. Ex-Nationalspieler Alfonso Pérez analysierte die Situation gegenüber Flashscore treffend: "Das ist kein typischer Neuner wie Haaland – dieser große, kopfballstarke Spieler, der eiskalt abschließt. Dieses Profil gibt es im Kader kaum noch – abgesehen vielleicht vom besten Borja Iglesias, der ein echter Mittelstürmer ist."

Die taktische Brechstange für die Offensive

Genau hier liegt der strategische Wert von "El Panda". Spanien kann den Ball mit hoher Frequenz laufen lassen und das Mittelfeld dominieren. Doch brennt ein Gegner ein Abwehrbollwerk 15 Meter vor dem eigenen Tor auf, erzwingt das unweigerlich Flanken und Luftduelle. In diesen Momenten stoßen Oyarzabal, Lamine Yamal oder Ferran Torres an ihre physischen Grenzen. Iglesias dagegen, mit 1,87 Metern Körpergröße im Strafraum verankert, blüht dann erst richtig auf.

Seine gerade abgelaufene Ausnahmesaison bei Celta de Vigo untermauert diese These. In der Spielzeit 2025/26 verbuchte er 18 Tore und drei Vorlagen in allen Wettbewerben, wobei er besonders in der Copa del Rey eine absurde Quote von einem Tor alle 30 Minuten aufwies. In der Liga gehörte er mit 0,66 Toren pro 90 Minuten zu den Top 10 der Liga. Seine Abschlussqualität ist Elite: 26 seiner 46 Schüsse gingen direkt aufs Tor (über 56 % Präzision), und statistisch liegt die Qualität seiner Großchancen (Non-Penalty xG) im 96. Perzentil aller Liga-Stürmer.

Vor allem besticht Iglesias durch seine Vielseitigkeit im Abschluss – ob per Kopf, als Wandspieler oder aus der Drehung. Er bindet Verteidiger, schafft durch seinen Körper Platz für nachrückende Mittelfeldspieler und imitiert damit exakt jene Komponenten, mit denen Llorente 2010 die portugiesische Deckung knackte.

"Ich hätte nie gedacht, einmal hier zu stehen"

Nach der Trainingseinheit am Samstag präsentierte sich Iglesias mit der Gelassenheit des erfahrenen Routiniers, als er auf die Effizienz der Offensive angesprochen wurde: "Ich würde nicht sagen, dass wir ein Problem mit der Chancenverwertung haben, aber klar: Wir müssen die Dinger machen. Wir hatten Gelegenheiten, haben sie aber liegen gelassen. Wir müssen ruhig bleiben. Ich sehe die Jungs jeden Tag im Training – da gibt es überhaupt kein Problem." Es ist das Statement eines Angreifers ohne Ego, der genau weiß, dass seine wichtigste Aufgabe bei diesem Turnier womöglich darin bestehen wird, Spiele zu beenden, statt sie zu beginnen.

Gerade in der Schlussphase entfaltet sein Profil die maximale Wirkung. In der abgelaufenen Ligasaison erzielte er acht seiner 14 Heimtore in der zweiten Halbzeit, oft als Joker – ein Beleg dafür, wie weh er müden Abwehrreihen tun kann. "Ich habe einfach Spaß am Fußball", betont er uneigennützig. "Ich hoffe auf mein WM-Debüt. Und wenn nicht, unterstütze ich die Jungs eben von der Tribüne."

Seine Nominierung trägt ohnehin eine starke symbolische Note. Erst mit 29 Jahren wurde Iglesias von Luis Enrique erstmals für die Nations League berufen. Die WM 2022 in Katar verpasste er. Später trat er temporär aus der Nationalmannschaft zurück, um nach dem Kuss-Skandal um Ex-Verbandschef Luis Rubiales und Jenni Hermoso ein klares Zeichen zu setzen: "Bis sich die Dinge ändern und solche Taten nicht mehr ungestraft bleiben."

Vier Jahre später steht er mit 33 Jahren im WM-Kader in den USA. Ohne den Druck des Stammplatzes, ohne Altlasten – völlig frei, um vielleicht genau der Mann für jene entscheidenden 30 Minuten zu werden, die eine ganze Nation unsterblich machen. Vor dem Verlassen der Mixed Zone resümierte er lächelnd: "Ich bin einfach nur glücklich. Wenn mir vor 20 oder auch nur vor drei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich hier stehe, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Ich erlebe diese WM mit der Begeisterung eines Debütanten, und vielleicht ist es mein letztes großes Turnier. Ich versuche einfach, jeden Moment aufzusaugen – so ist es am einfachsten."

Zum Match-Center: Spanien vs. Saudi-Arabien