Und täglich grüßt die Boykott-Forderung: Wie Deutschland wieder WM-Vorfreude lernt

Weniger als 100 Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel kommen altbekannte Forderungen nach einem Boykott auf.
Weniger als 100 Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel kommen altbekannte Forderungen nach einem Boykott auf.KEVIN DIETSCH / GETTY IMAGES VIA AFP

Es ist ein deutsches Kulturgut, so sicher wie das Meckern über die Bahn: Pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft entdecken wir unser moralisches Gewissen im obersten Regal der Empörung. Kaum sind die Sandkörner aus Katar aus den Fußballschuhen geschüttelt, da dämmert uns, dass auch die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ein moralisches Minenfeld ist. Plötzlich stellt sich die Nation die Frage: Dürfen wir zwischen Burger-Buden, Drogenbossen und Trumps neuesten Gebietsansprüchen überhaupt jubeln?

DFB-Vizepräsident Oke Göttlich preschte kürzlich vor und gab zu Protokoll, dass das "Bedrohungspotenzial aktuell größer" sei als damals bei den Olympia-Boykotten der 80er sei. Er fragte provokant: "Wo sind unsere Tabus?"

Eine durchaus berechtigte Frage, doch die Antwort im deutschen Fußball lautet meist: Unsere Tabus liegen genau dort, wo der Spaß aufhört und die Einschaltquote beginnt. Denn seien wir ehrlich: Ein Boykott ist das digitale "Entfolgen" der Außenpolitik: vielleicht fühlt man sich als moralischer Sieger, aber am Ende verpasst man trotzdem die beste Party.

Gegen wen dürfen wir noch spielen?

Blicken wir doch mal zurück auf unsere moralische "Must-Boykott"-Liste, die wir großzügig ignoriert haben. 1978 in Argentinien? Folterkeller um die Ecke, aber der Ball rollte. 2018 in Russland? Wir sind hingefahren, aber fairerweise auch recht schnell wieder abgereist. 2022 in Katar? Wir hielten uns die Münder zu, während wir gleichzeitig Gasverträge unterschrieben.

Wenn wir jedes Spiel boykottiert hätten, bei dem der Gastgeber uns politisch nicht genehm ist, hätte die deutsche Nationalmannschaft seit den 50ern wohl nur noch Freundschaftsspiele gegen Liechtenstein bestritten.

Die Realität ist: Ein Boykott trifft selten die Mächtigen, sondern meistens die, die am wenigsten dafür können. Sportdirektor Rudi Völler nannte die aktuelle Diskussion schlicht "sinnlos". Und auch Sporthistoriker Ansgar Molzberger warnt im Deutschlandfunk, dass Boykotte "immer auf dem Rücken der Athleten ausgetragen" werden, ohne politische Systeme nachhaltig zu schwächen.

Die deutsche Politik zeigt sich unterdessen erstaunlich pragmatisch – vermutlich sind die Gedanken an die Innenministerin mit One-Love-Binde auf der katarischen Tribüne noch sehr präsent. Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein betonte trocken, dass die Bundesregierung einen Boykott "nicht unterstützt". Scheinbar hat man in Berlin erkannt, dass man die USA nicht durch das Fernbleiben von Joshua Kimmich in die Knie zwingt.

Dreesen: "Wüsste nicht, warum wir nicht teilnehmen sollten"

DFB-Präsident Bernd Neuendorf ergänzte, die Debatte käme zur "Unzeit" – was im Funktionärs-Sprech bedeutet: "Leute, wir haben bei der Heim-EM gerade erst wieder gelernt, wie man eine Fahne schwenkt, macht uns das jetzt nicht kaputt!"

Was also tun? Vielleicht sollten wir die WM 2026 als das sehen, was sie ist: Ein gigantischer, bunter, ökologisch fragwürdiger Zirkus, den man nicht dadurch verbessert, dass man den Clown spielt, der nicht erscheint. Bayern-Vorstand Jan-Christian Dreesen brachte es auf den Punkt: "Ich wüsste nicht, warum wir nicht teilnehmen sollten." Am Ende ist der Sport, wie der DFB gerne betont, eine verbindende Kraft.

Vielleicht lernen wir Deutschen es ja dieses Mal: Man kann die politische Lage in den USA kritisch sehen, die FIFA für ihren Größenwahn hassen und trotzdem vor Freude vom Sofa fallen, wenn die Kugel im Netz zappelt. Es ist dieses wunderbare Konzept namens "Ambiguitätstoleranz" – oder auf Deutsch: "Ich stimme nicht mit allem überein, aber ich will trotzdem Fußball gucken."

Ein Boykott würde nur dazu führen, dass wir am Ende die Einzigen sind, die im stillen Kämmerlein sitzen, während der Rest der Welt "Soccer" feiert.