Bob Hanning, am Freitag beginnt für Sie die Europameisterschaft, es ist Ihr erstes Turnier als italienischer Nationaltrainer. Mit welchem Gefühl gehen Sie in diese EM?
Bob Hanning: "Da ist vor allem viel Vorfreude. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Auch wenn wir wissen, dass wir vor einer Herkulesaufgabe stehen, weil sich leider noch ein paar Verletzungen dazu gesellt haben, die das Ganze nicht einfacher machen. Jammern tun wir nicht. Aber die Challenge wird nicht kleiner, sondern immer größer."
Wo steht Italien aktuell im europäischen Vergleich und was trauen Sie Ihrer Mannschaft bei dieser EM realistisch zu?
Hanning: "Wir haben uns Schritt für Schritt herangepirscht und gut entwickelt. Wir sind ein bisschen im Umbruch, geben jüngeren Spielern mehr Möglichkeiten, um Italien für die nächsten Jahre zu rüsten. Natürlich sind die großen Teams noch weit weg. Die Wahrheit ist auch, dass wir nur drei Erstligaspieler haben und der Mittelblock beispielsweise aus Spielern vom VfL Potsdam besteht. Aber gerade das ist der Reiz: Spieler zu entwickeln."
Gibt es ein klares sportliches Ziel, das Sie intern formuliert haben?
Hanning: "Island ist auf unserer Turnierseite einer der absoluten Geheimfavoriten Richtung Halbfinale. Die Ungarn haben eine unfassbar gute Mannschaft, und die Polen sind physisch so stark wie viele Jahre zuvor nicht. Trotzdem möchte ich gerne in die Hauptrunde kommen. Wir wollen einen der beiden Großen schlagen und uns gegen Polen qualifizieren. Ich habe den Jungs gesagt: Solange das Island-Spiel nicht gespielt ist, ist es auch noch nicht verloren. Wir wollen positiv an das Thema herangehen, mit dem Glauben an große Momente."
Wie erleben Sie das Team?
Hanning: "Heiß machen muss ich keinen Italiener. Im Gegenteil. Manchmal habe ich die Sorge, dass die Spieler sich bei der Hymne schon verausgaben. Mit der Inbrunst, wie die gesungen wird, habe ich Angst, dass sich einer eine Zerrung holt. Solange es am Ende nur die Stimmbänder sind, kann ich aber damit leben." (lacht)
Wie ist der Stand bei der Hymne – fühlen Sie sich schon bereit für den Moment vor dem Anwurf? Werden Sie mitsingen?
Hanning: "Ich bin auf einem guten Weg. Alles sitzt noch nicht, aber Teile sind präsent. Ich habe die Hoffnung, dass es bis zum ersten Spiel passt."
Wie viel Italien steckt schon in Bob Hanning?
Hanning: "Ich hatte schon ganz viel Italien in mir, ohne es zu wissen. Was ich noch lernen muss, sind Geduld und Gelassenheit. Da werde ich gerade gut trainiert."
Sie sind der einzige deutsche Trainer bei dieser EM. Ist das für Sie eine besondere Auszeichnung?
Hanning: "Das bedeutet mir erst mal gar nichts. Ich würde mich freuen, wenn es noch mehr davon geben würde. Ganz früher haben sich Trainer gegenseitig unterstützt. Wir hatten viele jugoslawische Trainer mit großem Einfluss, später viele spanische. Ich würde mich freuen, wenn auch mehr deutsche Trainer bei Nationalmannschaften auf der Bank sitzen."
Auf Deutschland können Sie frühestens im Halbfinale treffen. Hand aufs Herz: Wie realistisch ist dieses Szenario aus Ihrer Sicht?
Hanning: "Dass Deutschland ins Halbfinale kommt, sehe ich bei 80 Prozent. Ich hätte vorher 75 gesagt, aber in den Spielen gegen Kroatien war eine Dominanz spürbar, die Breite im Kader und das Abwehrverhalten sind anders als bei der WM. Ich gehe vielleicht sogar auf 83 Prozent. Bei den Italienern kann ich leider nicht die restlichen 17 Prozent ergänzen. Wenn wir die Hauptrunde erreichen würden, wäre das schon ein großer Traum. Aber ich bin mir sicher, dass sich Deutschland freuen würde, wenn sie im Halbfinale gegen Italien spielen dürften. Dann hätten sie sich qualifiziert und dann eine gute Aufgabe, Richtung Gold zu spielen."
Wie schätzen Sie das DHB-Team sportlich ein?
Hanning: "Die Spitze des Kaders wird immer breiter. Sie haben immer mehr Möglichkeiten, auf allerhöchstem Niveau zu wechseln. Das stimmt mich sehr zuversichtlich. Sie können auf verschiedene Gegner verschieden reagieren. Es ist nicht zentral, ob ein oder zwei Spieler ausfallen. Im Moment sind alle Spieler gesund. Das ist der beste Kader, den du dir im Rückraum und am Kreis zusammenstellen kannst."
Ist eine Wiederholung des Coups von vor zehn Jahren möglich?
Hanning: "Undenkbar ist das auf gar keinen Fall. Ich mag auch nicht immer nur die Dänen als Topfavoriten hören. Ja, die haben eine überragende Mannschaft – aber seit 2012 keinen EM-Titel geholt. Wenn man sich die Franzosen anschaut, wie schwer sie sich zuletzt gegen Island getan haben. Die Isländer waren nicht schlechter, sie hatten alle Chancen, das Spiel zu gewinnen. Und das kann Deutschland auch immer."
Wer sind die Top-Favoriten auf den EM-Sieg?
Hanning: "Die drei Top-Favoriten sind Dänemark, Frankreich und Deutschland – Punkt. Die spielen in einem Strang. Auf der anderen Turnierseite: Vielleicht die Schweden mit dem Heimvorteil - und Island. Ich glaube wirklich an die Isländer. Wenn sie es dieses Jahr wieder nicht schaffen, dann machen sie irgendwas falsch. Das ist eine überragend besetzte Mannschaft. Mein Geheimfavorit ist Island."
