Zuletzt wurde der 27-jährige Torhüter wegen Oberschenkelproblemen geschont und verpasste das Auswärtsspiel des HC Erlangen in Magdeburg. Am kommenden Sonntag gegen Melsungen dürfte er jedoch wieder im Kader stehen.
Sein Wunsch, für die französische Nationalmannschaft aufzulaufen, sobald er dafür spielberechtigt ist (nach seinen Einsätzen für Guinea muss er sich bis Januar 2028 gedulden), seine gelungenen ersten Auftritte in Bayern und seine Eindrücke von der Bundesliga – für ihn die "NBA des Handballs" – waren die zentralen Themen des Gesprächs. Frisch aus einer individuellen Athletikeinheit an seinem freien Tag nahm sich Rubens Pierre Zeit für das Interview mit Flashscore.
Flashscore: Wie läuft Ihre Integration in Bayern?
Rubens Pierre: Sehr gut! Ich war selbst etwas überrascht, da die Sprachbarriere solche Prozesse meist verkompliziert. Aber die Mannschaft und das Trainerteam haben mich hervorragend aufgenommen. Das hat mir extrem geholfen, mich schnell einzuleben und auf dem Spielfeld Leistung zu bringen.
Flashscore: Wie klappt es mit der deutschen Sprache?
Rubens Pierre: Ich nehme gemeinsam mit einigen Teamkollegen wöchentlich Deutschunterricht. Zudem hatte ich mir schon vor meiner Ankunft einen Sprachlehrer genommen. Ich investiere also schon eine Weile darin und verstehe mittlerweile echt viel. Das Selbstsprechen fällt noch etwas schwerer, aber im Alltag komme ich schon gut zurecht.
Franzosen empfehlen die Bundesliga
Flashscore: Sie haben die Starligue als bester Torhüter der Liga verlassen. Gab es noch andere Angebote aus Frankreich?
Rubens Pierre: Ja, die gab es. Aber ich wollte bewusst etwas Neues ausprobieren und den Schritt ins Ausland wagen. In Frankreich zu bleiben ist immer die komfortablere Option: Man kennt das Umfeld und hat keine Sprachbarriere. Ich wollte jedoch eine neue Perspektive gewinnen und mich außerhalb meiner Komfortzone beweisen. Als das Angebot aus Erlangen kam, hat mich das Projekt sofort gereizt.
Flashscore: Haben Sie sich vor Ihrer Entscheidung mit anderen Franzosen ausgetauscht? Quentin Minel hat vor einigen Jahren ebenfalls für Erlangen gespielt.
Rubens Pierre: Mit Quentin habe ich mich tatsächlich am Ende der letzten Saison beim Spiel gegen Chartres unterhalten. Zudem habe ich mir von verschiedenen Seiten Feedback eingeholt. Man sieht ja, dass es aktuell immer mehr Franzosen nach Deutschland zieht. Für mich ist die Bundesliga schlicht die beste Liga der Welt. Ich bin erst seit wenigen Wochen hier, aber die Rahmenbedingungen und die vollen Hallen an jedem Wochenende – egal ob gegen Spitzenteams wie Berlin und Kiel oder gegen Mannschaften aus dem Mittelfeld – sind einmalig. Das macht riesigen Spaß.
Flashscore: Die Bundesliga erlebt derzeit einen echten Boom französischer Spieler: Kentin Mahé, Aymeric Minne und Aymeric Zaepfel sind bereits da, Dika Mem, Théo Monar und Thibaud Briet folgen in den kommenden Jahren. Auch Ihr Wechsel steht sinnbildlich dafür. Sind die Gründe dafür noch dieselben wie früher: die Atmosphäre und das hohe Spieltempo?
Rubens Pierre: Für mich, der jahrelang in Frankreich gespielt hat, ist der Unterschied deutlich spürbar. Ich vergleiche die Bundesliga gerne mit der NBA: Der Spielrhythmus ist extrem hoch, die Liga unheimlich ausgeglichen, jeder kann jeden schlagen, und der Titelkampf bleibt bis zum Ende unvorhersehbar. In Frankreich ist das – abgesehen von Paris – etwas anders. Und die Kulisse in den Hallen ist fantastisch. Ob in Flensburg oder Stuttgart: Wir spielen vor 6.000 bis 10.000 Zuschauern. Das setzt zusätzlich Emotionen und Energie frei.
Gesundes Torhüterteam in Erlangen
Flashscore: Wie bewerten Sie das sportliche Niveau im Vergleich zur Starligue?
Rubens Pierre: Der Unterschied ist definitiv da. Aus Torhütersicht gesprochen: In Frankreich schließen die Feldspieler vielleicht einen Tick präziser ab, aber in Deutschland wird mit wesentlich mehr Härte und Tempo geworfen. Wenn du als Torwart nur einen Bruchteil zu spät reagierst, bist du chancenlos. Das Spiel ist von enorm viel Bewegung, Eins-gegen-eins-Aktionen und Würfen aus sechs Metern geprägt. In Frankreich wird viel mehr über Außen oder aus dem Rückraum aus neun Metern abgeschlossen. In Deutschland stößt man systematisch in die Lücken der Abwehr. Das Niveau ist unterm Strich noch einmal höher.
Flashscore: Erlangen geht mit einem starken Torhütertrio in die Saison. Wie funktioniert das Miteinander mit Dario Herceg und Khalifa Ghedbane? Und sind Sie mit dem Anspruch gekommen, die klare Nummer eins zu sein?
Rubens Pierre: Als ich im Sommer für die medizinischen Tests nach Erlangen kam, habe ich mich mit unserem Trainer Johannes Sellin ausgetauscht. Er hat direkt offen kommuniziert, dass wir drei Torhüter haben, ich aber als Nummer eins eingeplant bin. Die Dynamik unter uns Torhütern ist trotzdem absolut positiv. Natürlich ist die Situation als Nummer eins angenehmer, weil man seine Spielzeiten bekommt. Aber die Jungs gehen extrem professionell damit um, obwohl es für sie nicht leicht ist, wenn ich den Großteil der Einsatzzeit erhalte. Wir verstehen uns super, lachen viel und arbeiten im Training mit unserem Torwarttrainer hervorragend zusammen.
Flashscore: Nach dem dramatischen Klassenerhalt in der Vorsaison befindet sich der HC Erlangen im Umbruch. Johannes Sellin dämpft noch die Erwartungen. "Wie schätzen Sie das Potenzial der Mannschaft ein?
Rubens Pierre: Ich war von Beginn an beeindruckt. Wir haben ein sehr junges Team mit enormem Entwicklungspotenzial. Das vorrangige Ziel steht fest: Wir wollen den Klassenerhalt so früh wie möglich eintüten. Was danach kommt, wird man sehen. Bislang läuft es solide: Die Pflichtaufgaben haben wir gelöst, in Flensburg und Magdeburg darf man verlieren, und das Unentschieden gegen Hannover war in Ordnung.
Besonders gefällt mir die Mentalität in der Mannschaft: Wir hinterfragen uns nach jedem Spiel kritisch und ruhen uns nicht auf Siegen aus. Wir arbeiten akribisch an unseren Fehlern. Das bringt uns weiter. Und wer weiß – wenn der Klassenerhalt frühzeitig feststeht, schielen wir vielleicht noch in Richtung europäische Plätze. Ich bin nach Erlangen gekommen, um international zu spielen. Wenn es nicht sofort klappt, dann eben Schritt für Schritt im Laufe des Neuaufbaus.
Flashscore: Internationale Ambitionen hätten Sie allerdings auch bei Tremblay verfolgen können, wo sich der Klub Schritt für Schritt nach oben arbeitet.
Rubens Pierre: Tremblay war jahrelang wie eine zweite Familie für mich und wird es immer bleiben. Ich pflege nach wie vor einen engen Kontakt zum Verein. Aber nach fast sieben Jahren hatte ich dort einfach alles erlebt. Mir war klar: Wenn ich meinen Traum von der französischen Nationalmannschaft verwirklichen will, brauche ich eine neue Herausforderung in einer absoluten Top-Liga oder im Europapokal.
Ich musste für mich selbst herausfinden, ob meine Leistungen vom gewohnten Umfeld begünstigt wurden oder ob ich auch in einem völlig neuen Umfeld auf diesem Niveau abliefern kann. Diese Frage wollte ich beantworten.
Flashscore: Nach dem Spiel gegen Eisenach wurden Sie zum Torhüter des Spieltags gewählt. Ist eine solche Partie die perfekte Visitenkarte?
Rubens Pierre: Es kommt immer auf den Kontext an. Gegen Lemgo zum Beispiel hatte ich keinen guten Tag, wurde ausgewechselt und kam erst in den letzten fünf Minuten zurück – genau da habe ich dann die drei entscheidenden Bälle gehalten. Als Torwart weiß ich, dass ich nicht in jedem Spiel 15 oder 20 Paraden zeigen kann. Aber entscheidend ist, in den Clutch-Momenten da zu sein, wenn das Spiel auf der Kippe steht. Natürlich freue ich mich über hohe Paradenanzahlen bei deutlichen Siegen, aber mein eigener Anspruch liegt vor allem darin, in den crunchigen Schlussphasen den Unterschied zu machen.
Flashscore: Sie machen keinen Hehl aus Ihrem Ziel, für Frankreich zu spielen, nachdem Sie früher für Guinea aufgelaufen sind. Wie ist Ihr Austausch mit dem Trainerteam der Bleus, etwa mit Talant Dujshebaev oder Torwarttrainer Jean-Luc Kieffer?
Rubens Pierre: Der erste Lehrgang, bei dem ich als Trainingspartner dabei war, verlief sehr gut. Ich wurde super aufgenommen und konnte wertvolle Gespräche führen. Sobald meine Sperrfrist abgelaufen und ich spielberechtigt bin, liegt es an mir, mich über Leistungen im Verein aufzudrängen. Der Kontakt steht, und wir arbeiten auch über die interne Torhütergruppe kontinuierlich zusammen.
Flashscore: Rechnen Sie damit, auch bei den kommenden Lehrgängen wieder als Trainingspartner nominiert zu werden?
Rubens Pierre: Eine Garantie gibt es dafür aktuell nicht, da ist noch manches offen. Aber ich weiß, dass Talant meine Entwicklung zu Saisonbeginn genau verfolgt hat.
Flashscore: Am Sonntag treffen Sie mit Erlangen auf Melsungen – und damit auf Talants Sohn Daniel Dujshebaev. Eine gute Gelegenheit, sich nachhaltig in Erinnerung zu rufen?
Rubens Pierre: Das ist sicher eine nette Anekdote am Rande. Aber ich mache mir wegen der Nationalmannschaft keinen unötigen Druck. Es ist ein Fernziel, für das ich täglich hart arbeite. Wenn die Leistung stimmt und der Bundestrainer auf mich setzt, freue ich mich über eine Nominierung. Wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter. Ich wusste von Anfang an, dass ich nach dem Verbandswechsel drei Jahre Geduld mitbringen muss.
Flashscore: Ihre voraussichtliche Spielberechtigung fällt genau in ein Olympisches Jahr. Spielt dieser Gedanke in Ihren Überlegungen eine Rolle?
Rubens Pierre: Natürlich hat man so etwas im Hinterkopf. Ich konzentriere mich darauf, im Verein konstant abzuliefern, um zum richtigen Zeitpunkt bereit zu sein. Bis dahin ist es aber noch ein Stück Weg.
Flashscore: Zum Abschluss noch zwei persönliche Fragen: Gab es Bundesliga-Torhüter, die Sie in Ihrer Karriere besonders geprägt oder inspiriert haben?
Rubens Pierre: Niklas Landin und Andreas Wolff.
Flashscore: Und was hat Sie seit Ihrer Ankunft in der Bundesliga am meisten beeindruckt?
Rubens Pierre: Die überragende Atmosphäre in den Hallen!
