Die zwei Formate, die in den vergangenen Wochen besonders viele Menschen in ihren Bann gezogen haben, zeigen schließlich das Gegenteil: die Tour de France und nun der EM-Zehnkampf von Birmingham. Beide sind ausführliche, mehrtägige oder sogar mehrwöchige Fortsetzungserzählungen. Ihre besondere Wirkung entfalten sie gerade über die lange Distanz. Sie schaffen Bindung und Empathie, auch wenn sie dem Publikum mitunter stundenlange Aufmerksamkeit abverlangen. Ein Netflix-Effekt gewissermaßen.
Lange Geschichten statt kurzer Aufmerksamkeitshäppchen
Solche Erzählungen funktionieren natürlich nur, wenn die passenden Hauptdarsteller vorhanden sind. Beim deutschen Zehnkampf ist das derzeit in besonderem Maße der Fall. Leo Neugebauer und Niklas Kaul sind Musterathleten: professionell, vielseitig, entwicklungsfähig und nahbar. Neugebauer zeigte das am Morgen nach seinem Triumph in Birmingham besonders eindrucksvoll. Er kam auf die Pressetribüne, schüttelte dankbar Hände und erkundigte sich nach dem Befinden der Menschen um ihn herum.
Dazu kommen die Granden früherer "Serienstaffeln". Jürgen Hingsen und Frank Busemann melden sich verlässlich zu Wort. Man kennt sie, man erkennt sie wieder. Auch das gehört zu einer Sportgeschichte, die über Jahre und Generationen hinweg weitererzählt wird.
Die richtigen Hauptdarsteller für eine große Sportserie
Seinen besonderen Reiz bezieht der Zehnkampf zudem aus seiner Solitärstellung im perfektionierten Spitzensport. In praktisch keiner der zehn Disziplinen können die Zehnkämpfer mit den allerbesten Spezialisten mithalten. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Schweizer Simon Ehammer im Weitsprung.
Stattdessen müssen sie sich durch zehn unterschiedliche Disziplinen kämpfen. Sie leiden, scheitern mitunter und wirken in einzelnen Wettbewerben sogar unperfekt. Gerade das macht sie menschlich. Die Einzelleistungen erscheinen nachvollziehbar und fügen sich erst über die zwei Wettkampftage hinweg zu einer beinahe unmenschlichen Gesamtleistung zusammen.
Gerade die Unvollkommenheit macht den Zehnkampf aus
Genau darin liegt ein Teil der Faszination: Der Zehnkampf verlangt Athleten, die vieles können, ohne irgendwo zwingend die Besten der Welt zu sein. Sie müssen ständig neue Herausforderungen bewältigen und nach Rückschlägen weitermachen.
Das Publikum begleitet diesen Prozess. Jede Disziplin verändert die Ausgangslage, jeder Versuch kann die Gesamtwertung verschieben. So entsteht eine Dramaturgie, die sich nicht künstlich beschleunigen lässt und gerade deshalb funktioniert.
Das archaische Format sollte bleiben
Der Zehnkampf ist ein archaisches Format. Doch gerade deshalb sollte niemand auf die Idee kommen, ihn allein zu Vermarktungszwecken zu verändern.
Seine Länge ist kein Problem, sondern Teil seiner Stärke. Die Vorfreude auf die nächste "Staffel" dieser ewigen, fantastischen Sportserie würde leiden, wenn man ihr ausgerechnet das nimmt, was sie so besonders macht.
