"Kriegsähnliche Situation": Zweifel an Mexiko wachsen - Infantino "sehr ruhig"

Gianni Infantino ist weiterhin "ruhig" gestimmt.
Gianni Infantino ist weiterhin "ruhig" gestimmt.Artur Widak/NurPhoto / Shutterstock Editorial / Profimedia

Die Fragezeichen hinter der Sicherheit in Mexiko werden immer größer. Auch der DFB sorgt sich rund 100 Tage vor dem Beginn der Fußball-WM angesichts der Gewalt-Eskalation im Land des Co-Gastgebers.

Mindestens 73 Tote bisher, 10.000 entsandte Soldaten, eine "kriegsähnliche Situation": Angesichts der eskalierenden Gewalt in Mexiko rund 100 Tage vor dem Beginn der Fußball-WM (11. Juni bis 19. Juli) werden die Zweifel am Co-Gastgeber immer größer. Mittlerweile steht die Frage im Raum, ob in Mexiko tatsächlich der Ball rollen kann. Der Druck auf den Weltverband FIFA steigt, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sorgt sich.

"Es bleibt zu hoffen, dass sich diese kriegsähnliche Situation schnell entspannt und es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt", sagte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig in der Augsburger Allgemeinen: "Meine Gedanken sind bei allen Mexikanerinnen und Mexikanern, die unter den Unruhen leiden." Auf die Frage, ob er Vorfreude auf die Endrunde verspüre, antwortete Rettig: "Wenn ich ehrlich bin, aktuell nicht."

Die Tötung des berüchtigten Drogenbosses Nemesio "El Mencho" Oseguera Cervantes durch die Armee hat in weiten Teilen Mexikos eine Welle der Gewalt ausgelöst. Mittlerweile hat die Regierung 10.000 Soldaten entsandt, um der Lage Herr zu werden. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Jalisco, in dessen Hauptstadt Guadalajara vier WM-Spiele stattfinden sollen. Schon in einem Monat stehen dort Partien der ausstehenden Play-offs auf dem Programm.

FIFA-Boss Gianni Infantino demonstrierte dennoch Gelassenheit. "Ich bin sehr ruhig", sagte der Schweizer am Dienstagabend der französischen Nachrichtenagentur AFP im kolumbianischen Barranquilla: "Alles läuft sehr gut, alles wird fantastisch sein."

Insgesamt sollen 13 WM-Begegnungen in Mexiko ausgetragen werden, darunter das Eröffnungsspiel zwischen dem Co-Gastgeber und Südafrika in Mexiko-City. Der dritte Spielort ist Monterrey. Zudem wollen mehrere Teams ihr Quartier in Mexiko aufschlagen. Die deutsche Mannschaft wird weder in Mexiko wohnen noch in der Vorrunde Partien dort austragen.

Schon vor Infantinos Kommentaren hatte die FIFA ihre Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage bekräftigt. "Bei der FIFA in Mexiko beobachten wir die Lage in Jalisco sehr genau und stehen in ständigem Austausch mit den Behörden", teilte der Weltverband mit: "Wir werden den Maßnahmen und Anweisungen der verschiedenen Regierungsstellen weiterhin folgen, die darauf abzielen, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten und die Normalität wiederherzustellen - und wir bekräftigen unsere enge Zusammenarbeit mit den Behörden auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene."

"Frieden und Ruhe herstellen"

Die Bundesregierung will den Veranstalter beim Wort nehmen. "Die FIFA muss in Zusammenarbeit mit den Regierungen Kanadas, der USA und Mexikos sicherstellen, dass Fans nicht gefährdet und die Sicherheitsvorgaben durch die Gastgeberländer eingehalten werden", sagte Christoph Ploß (CDU) in seiner Eigenschaft als Tourismuskoordinator der Bundesregierung dem Handelsblatt.

Mexikos Präsidentin betonte, dass die Regierung die Lage unter Kontrolle habe. "Alle Behörden der Republik haben sich koordiniert, alle Kräfte der Bundesregierung, Sicherheitskräfte und Staatsanwaltschaft stehen für jede Situation bereit", sagte Claudia Sheinbaum: "Das Wichtigste ist, dass wir wieder Frieden und Ruhe herstellen." Sie versicherte, dass für die Fans "keinerlei Risiko" bestehen würde und "alle Sicherheitsvorkehrungen" getroffen würden.

Experten glauben allerdings kaum an Ruhe. Schließlich wurden in der Vergangenheit durch einen Schlag gegen den organisierten Drogenhandel oftmals lange und blutige Machtkämpfe bei den Kartellen ausgelöst. Alleine in Jalisco werden laut offiziellen Zahlen knapp 13.000 Menschen vermisst.

"Die Regierung will das Bild vermitteln, dass sie alles im Griff hat", sagte Sicherheitsexperte David Saucedo, der in der ARD zu Wort kam: "Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Es bleiben Zweifel, ob man die Besucher der WM ausreichend schützen kann."