Was macht einen talentierten Fußballer aus? Für Martin Scherb greift die klassische Antwort zu kurz. Der Gesamtleiter der ÖFB-Talenteförderung und U18-Teamchef bewertet gegenüber oefb.at nicht nur technische Fähigkeiten. „Aus unserer Sicht ist jemand ein Talent, der mit weniger Übung das Gleiche kann, aber trotzdem weiter übt“, erklärt Scherb. Das Weitermachen und Arbeiten sei selbst ein Teil des Talents.
Die Begabung am Ball bilde lediglich die Grundlage. Entscheidend sei, wie ein Spieler mit seinem Talent umgehe und ob er bereit sei, auch abseits des Mannschaftstrainings an sich zu arbeiten. Krafttraining, Ernährung, Schlaf und das soziale Umfeld seien ebenso wichtige Bausteine. „Talent ist nur die Basis. Entscheidend ist, was man daraus macht.“
Geduld statt Schnellschüsse
Besonders schwierig sei der Übergang vom Nachwuchs- in den Erwachsenenfußball. Manche Talente schaffen den Sprung bereits mit 17 Jahren, andere brauchen mehrere Zwischenschritte: „Es gibt unglaublich viele Wege, das Ziel Profifußball zu erreichen.“ Ungeduld sei in diesem Alter zwar normal, dennoch warnt Scherb vor vorschnellen Vereinswechseln. Stattdessen fordert er Vertrauen in den eigenen Entwicklungsprozess – und mehr Geduld von den Klubs.
Vor allem beim Vergleich mit Legionären sieht der ehemalige Bundesliga-Trainer Unterschiede. „Bei Legionären sagt man häufig, sie brauchen Zeit, um sich an die Kultur und die Mannschaft anzupassen. Genau diese Zeit kann aber auch ein junger Spieler brauchen. Spieler aus der Akademie sollen oft gleich funktionieren, weil sie den Verein ja kennen.“
Spielpraxis als Schlüssel
Geduld allein genügt allerdings nicht. Junge Spieler müssten regelmäßig auf dem Platz stehen, um sich weiterzuentwickeln. Wer dauerhaft auf der Bank sitze oder nur Kurzeinsätze bekomme, mache zu wenig Fortschritte. Deshalb brauche es Alternativen wie die zweite Mannschaft oder weitere Spielmöglichkeiten im Nachwuchsbereich. Auch die Idee, die Akademien wieder bis zur U19 zu führen, sieht Scherb positiv.

Viele unterschätzen laut Scherb die Belastung junger Talente. Mehr als 30 Schulstunden pro Woche, dazu nahezu tägliches Training und Spiele lassen kaum Zeit für Familie oder Freunde. „Da bleibt wenig Zeit, einfach Jugendlicher zu sein.“
Deshalb gehe es bei Lehrgängen nicht ausschließlich um Fußball. Gespräche, Erholung und die persönliche Situation der Spieler seien ebenso wichtig. Vor jedem Lehrgang tausche sich das Trainerteam mit Vereinen und Akademien aus und führe mit jedem Spieler Einzelgespräche. „Wir versuchen, jedem Spieler das Gefühl von Sicherheit im Nationalteam zu geben. Wenn ein Spieler mit einem positiven Erlebnis zurückkommt, geht er auch selbstbewusster in seinen Verein oder seine Akademie zurück.“
Endrunden prägen Karrieren
Für Scherb sind Nachwuchs-Europameisterschaften ein wichtiger Entwicklungsschritt. Dort lernen junge Spieler, mit Druck umzugehen und sich auf höchstem Niveau zu behaupten. Die Qualifikation sei allerdings schwieriger geworden. Bei U17- und U19-Europameisterschaften stehen nur noch acht Startplätze zur Verfügung, wodurch kleinere Nationen deutlich geringere Chancen hätten.
Deshalb spricht sich Scherb für eine Rückkehr zu Endrunden mit mindestens 16 Teilnehmern aus. Die internationale Turniererfahrung sei für die Entwicklung junger Spieler kaum zu ersetzen.Das Erfolgsrezept erfolgreicher Nachwuchsteams sei letztlich dennoch einfach: Qualität, Teamgeist und ein funktionierender Betreuerstab.
