Das Wichtigste zuerst: Ob Lindsey Vonn bei Olympia antreten sollte oder nicht – das kann nur eine Person berurteilen. Nämlich Vonn selbst.
Dennoch ist es wichtig, die Frage zu stellen, ob die 41-Jährige mit ihrer Entscheidung, an der Abfahrt in Cortina d'Ampezzo am Sonntag (11:30 Uhr) teilzunehmen, eine vernünfitge Entscheidung trifft.
Vonn setzt ihre Gesundheit aufs Spiel
Zu Beginn der Woche hat die Speed-Queen in einer emotionalen Pressekonferenz erklärt, dass sie sich bei ihrem schweren Sturz in Crans-Montana einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Ihr rechtes Knie, in dem sie eine Teilprothese hat, hielt den einwirkenden Kräften stand – nicht so das linke.
Vonn möchte sich nicht aufhalten lassen. "Ich habe keine Schmerzen", stellte die US-Amerikanerin fest. Was aus medizinischer Sicht kein Wunder ist. Das Kreuzband selbst verfügt über kaum Schmerzrezeptoren, dank ihrer durchtrainierten Muskulatur ist sie dazu imstande, die Belastung kurzfristig kompensieren.

Dass sie dennoch ihre Gesundheits aufs Spiel setzt, steht außer Frage. Gut eine Woche nach einem Kreuzbandriss eine Olympia-Abfahrt zu bestreiten – ist aus medizinischer Sicht höchst bedenklich. Die Heilung kann nachhaltig behindert werden, ein weiterer Sturz ist nicht auszuschließen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre wohl selbst leichtes Jogging zumindest fragwürdig.
"Alles möglich" – nur eine Durchhalteparole?
Vonns Beweggründe sind klar, die Aussicht auf olympisches Edelmetall ist für jede halbwegs ambitionierte Sportlerin ein großes Ziel. Schon mit ihrer Rückkehr in den Weltcup nach fünf Jahren Pause hat sie ihren enormen Ehrgeiz bewiesen. "Du musst immer an dich glauben – egal wie alt oder jung du bist. Wenn du das tust, ist alles möglich", sagte sie am Dienstag.
Mit solchen Wortmeldungen trägt sie aktiv zu einem zweifelhaften Heldenmythos bei, den zahlreiche Medien bereitwillig aufgegriffen haben. Anstatt ihre Entscheidung kritisch einzuordnen, wurde sie fast durchgehend als "Kämpferin" dargestellt.
Vonn geht ein gigantisches Risiko ein – und wird ihrer Vorbildwirkung kaum gerecht. Seine Belastungsgrenze zu kennen, ist kein Fehler, sondern eine Tugend – gerade im Leistungssport, wo permanenter Leistungsdruck herrscht. Aleskandar Aamodt Kilde, der auf seinen Olympiastart verzichtet, zeigt, dass Vonns Entscheidung nicht alternativlos ist.

