Zu Peter Sagans martialischem Mittel gegen die Dominanz von Tadej Pogacar wird auch vor der Flandern-Rundfahrt niemand greifen. "Wenn man ihm nicht noch vor Sonntag die Beine absägt, wer soll ihn dann schlagen?", fragte der pensionierte Ex-Weltmeister Sagan im Interview mit der belgischen Tageszeitung Het Nieuwsblad. Radrennenfahren sei kein Videospiel auf der PlayStation, so der Flandern-Sieger von 2016: "Nun, für Tadej ist es sogar einfacher als ein Videospiel."
"Flandern, bist du bereit?"
Den Cheatcode gegen den Superstar der Gegenwart hat noch niemand gefunden. Wenn an Ostersonntag bei der 110. "Ronde van Vlaanderen" einer der Höhepunkte der Klassikersaison ansteht, will es ein weiterer prominenter Herausforderer zumindest versuchen. Belgiens Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel hat sich erstmals für das Traditionsrennen angekündigt, das über rund 278 Kilometer, sechs Kopfsteinpflastersektoren und 16 giftige Anstiege ein Spektakel verspricht. "Flandern, bist du bereit?", sagte Evenepoel in einer Videobotschaft.
Die Antwort auf seine rhetorische Frage bei Instagram dürfte ein lautes 'ja' sein. Denn wenn einer der prominentesten Söhne Flanderns seine Premiere beim wichtigsten Eintagesrennen der Region feiert, wird der radsportverrückte Norden Belgiens in Ekstase verfallen. Ein Gefühl, das auf Gegenseitigkeit beruht.
"Ich freue mich extrem", sagte Evenepoel in einem Video, das der bestens vermarktete Belgier bei den ersten Testfahrten in Flandern im Dezember aufgenommen hatte und nun veröffentlichte. Und auch: "Es ist mein erstes Mal, deshalb will ich zu 100 Prozent bereit sein."
"Überraschung für die Fans"
Ausgeheckt hat Evenepoel den Überraschungsstart gemeinsam mit seinem neuen deutschen Team Red Bull-Bora-hansgrohe. "Die Verbindung zwischen Remco und der Flandern-Rundfahrt ist tief und emotional. Ein Plan wie dieser entsteht nicht kurzfristig", erklärte Teamchef Ralph Denk. "Wir haben das Thema bewusst unter dem Radar gehalten, um den Moment für die Fans als Überraschung zu setzen."
Der Plan ging auf und verrückt nun zumindest ein wenig die Machtverhältnisse. Evenepoel, in Aalst in Ostflandern geboren, zählt ob seiner Qualitäten automatisch zum erweiterten Favoritenkreis, wenngleich ihm in den mitentscheidenden Pflasterpassagen die Wettkampfhärte fehlt. "Es ist lange her, aber ich habe ein gutes Gefühl auf dem Kopfsteinpflaster", sagte der 26-Jährige. Heißester Sieganwärter ist er am Sonntag trotzdem nicht.
Die Konkurrenz ist enorm
Dieser Titel geht wie so oft an den nimmersatten Slowenen Pogacar. Nach seinem Premierentriumph bei Mailand-Sanremo fehlt dem viermaligen Toursieger inzwischen nur noch der Sieg bei Paris-Roubaix (12. April), um seine Monumente-Sammlung zu vervollständigen. In Flandern will er zuvor seinen dritten Titel nach 2023 und 2025 feiern und den großen Eddy Merckx (zwei Siege) überflügeln. "Flandern ist eine der größten Hochburgen des Radsports. Die Energie rund um dieses Rennen ist etwas ganz Besonderes – es ist eine Freude, ein Teil davon zu sein", sagte Pogacar.
Für den erneuten Sieg muss Pogacar an seinem Rivalen Mathieu van der Poel aus den Niederlanden vorbei, der bereits seinen vierten Sieg (Rekord) anpeilt. Und damit nicht genug: Auch der zuletzt formstarke Top-Allrounder Wout van Aert (Belgien) und der dänische Ex-Weltmeister Mads Pedersen geben sich auf der Hetzjagd bis ins Ziel in Oudenaarde die Ehre.
Auf Sagans martialisches Mittel gegen ihr gemeinsames Pogacar-Problem werden sie aber nicht zurückgreifen.
