Letztlich fehlten 3,7 Sekunden zu seinem zweiten Karrieresieg. Damit wurde Nawrath wie schon im Sprint von Oberhof im Januar zum zweiten Mal in diesem Winter Zweiter, für den Deutschen Skiverband (DSV) war es der achte Podestplatz der Saison. Dritter wurde der bereits als Gesamtweltcupsieger feststehende Franzose Eric Perrot (2 Strafrunden/+13,7 Sekunden), der sich nach der Verfolgung und dem Einzel mit dem Massenstart die dritte Disziplinwertung des Winters sicherte.
Auch Justus Strelow (1/+1:55,8 Minuten) zeigte als 15. ein solides Rennen, bei Philipp Horn (4/+2:20,0) passte zum Abschluss auf Rang 21 wenig zusammen. Als bester Deutscher schob sich Nawrath durch seinen starken letzten Wettkampf im Gesamtweltcup noch unter die Top Ten.
Kein einziger Sieg, nur acht Podestplätze - und lediglich Rang fünf in der Nationenwertung der Frauen: Die deutschen Biathleten haben eine historisch schlechte Saison hingelegt. In fast allen Kategorien stellte das lange Zeit erfolgsverwöhnte Team des Deutschen Skiverbandes (DSV) Negativrekorde auf, auch der starke zweite Platz von Philipp Nawrath zum Abschluss am legendären Holmenkollen konnte über die riesigen Baustellen nicht hinwegtäuschen. Vor allem die Konkurrenz aus Norwegen und Frankreich ist weit enteilt.
Entwicklung geht aktuell "in die falsche Richtung"
"Es geht aus deutscher Sicht in die falsche Richtung", monierte der scheidende Sportdirektor Felix Bitterling im ZDF. Der Anspruch sei "ein anderer". Man müsse sich "Gedanken für die Zukunft machen", forderte Frauen-Coach Kristian Mehringer. Denn im Moment, ergänzte Trainerkollege Sverre Olsbu Röiseland, sei die Mannschaft nach dem Rücktritt von Franziska Preuß "noch nicht gut genug".
Erstmals in der Geschichte blieb das deutsche Team im gesamten Winter ohne Sieg. Der bisherige Negativrekord lag bei drei Erfolgen in der Saison 2020/21, im besten Winter 2007/08 waren es gar 24 Triumphe. Acht Podestplätze sind auch nur etwas mehr als halb so viele wie bei der bisherigen Tiefmarke von 14 aus der Saison 2013/14, im Rekordwinter 2006/07 waren es mit 72 fast zehnmal so viele Platzierungen unter den besten drei.
"Das ist eine knallharte Bilanz", sagte ZDF-Expertin Denise Herrmann-Wick. Es sei "zu wenig" und man müsse jetzt auch "kritisch" sein. Mit viel Mühe rettete die deutsche Frauen-Mannschaft auf der Zielgeraden Rang fünf in der Nationenwertung. Damit behält der DSV zwar sechs Startplätze, dennoch ist auch dieses Abschneiden schlechter denn je. Zwischen 2014 und 2018 hatte es vier erste Plätze in Serie gegeben, seit Einführung der Wertung 1999 lag Deutschland 13-mal vorne.
Umbruch "geht nicht von heute auf morgen"
Auch bei den Männern um Anführer Nawrath lief es kaum besser, gerade zu den Norwegern und Franzosen gibt es einen Klassenunterschied. "Wir waren nicht unbedingt zufrieden mit den Ergebnissen", sagte Lauftrainer Jens Filbrich. Mit einer schnellen Trendwende ist nicht zu rechnen. "Das geht nicht von heute auf morgen", sagte Mehringer. Es sei "im Ausdauersport nicht so, dass man durch Hauruck-Aktionen etwas Krasses verändern kann in kurzer Zeit", so Herrmann-Wick.
Das Abschlusswochenende am Holmenkollen machte zumindest etwas Hoffnung. Die Aufholjagd von Vanessa Voigt von Rang 16 auf sechs mit der zweitbesten Tageszeit sowie die beste Laufzeit von Julia Tannheimer im Verfolger am Samstag waren Lichtblicke, im Massenstart wurde Janina Hettich-Walz als beste DSV-Athletin Zehnte.
Bei den Männern war Nawrath im 58. und letzten Saison-Rennen so nah dran am Sieg wie noch nie in diesem Winter, letztlich fehlten im Massenstart über 15 km nach fehlerfreiem Schießen nur 3,8 Sekunden auf den Norweger Johan-Olav Botn. "Es ist super, ein geniales Gefühl so aus der Saison zu gehen. Schöner kann man es sich nicht wünschen", sagte Nawrath.
In der achtmonatigen Sommerpause hat der DSV mit dem neuen Sportdirektor Bernd Eisenbichler viel Bedarf zur Aufarbeitung der historischen Negativ-Saison. Bis zum kommenden Winter müsse, so Olympiasiegerin Herrmann-Wick, wieder "eine Aufbruchstimmung her".
