"Ach du Scheiße, Alter!", schrie Raimund und hüpfte völlig entfesselt durch den Schnee im Stadio Dal Ben, auf dessen Tribüne sich die Familie Raimund in den Armen lag: "Ich war so verdammt nervös. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Aber ich bin so stolz, ich bin Olympiasieger, das ist einfach wunderschön."
Am Fuße des mächtigen Monte Agnello, dem Lammberg, hatte Raimund sich mit gewaltiger Nervenstärke und blitzsauberen Flügen auf 102,0 sowie 106,5 m in einem höchst schwierigen Wettkampf vor dem Polen Kacper Tomasiak sowie den beiden drittplatzierten Ren Nikaido (Japan) und Gregor Deschwanden (Schweiz) durchgesetzt. Während Sloweniens Topfavorit Domen Prevc nur auf Platz sechs kam, wurde Raimund zu "Rai uno" - und auf dem Trainerturm verdrückte selbst der sonst so coole Chefcoach Stefan Horngacher eine Träne. "Der Hille war so konzentriert wie nie in seinem Leben", sagte Horngacher stolz und baff am ARD-Mikrofon: "A Bierle werden wir schon trinken."
Raimung fünfter deutscher Olympiasieger
Fast auf den Tag genau acht Jahre nach dem Triumph von Andreas Wellinger in Pyeongchang hat Deutschland seinen fünften Skisprung-Olympiasieger im Männer-Einzel. Zuvor hatten noch die DDR-Springer Helmut Recknagel (1960), Hans-Georg Aschenbach (1976) und Jens Weißflog (1984/1994) triumphiert. "Das ist ultrasensationell", jubelte ARD-Experte Sven Hannawald, der im Einzel 2002 "nur" Silber gewonnen hatte.

Nach einem schieren Thriller vor knapp 5000 Zuschauern in der - im Vergleich zu den riesigen Weltcup-Stadien wie in Raimunds Heimat Oberstdorf - winzigen Olympia-Arena lag Raimund bereits nach dem ersten Durchgang in Führung, allerdings nur einen halben Meter vor dem französischen Überraschungszweiten Valentin Foubert. Doch kalt wie eine Hundeschnauze brachte "Hille", wie ihn seine Schwester einst in Unfähigkeit der Aussprache des Namens Philipp einst nannte, den wichtigsten Sprung seines Lebens hinab ins Tal. Und der Rest war Jubel pur.
Beispiellose Entwicklung
Raimund, der seine sagenhafte Entwicklung vom flippigen Sprücheklopfer zum fokussierten Musterathleten vollendete, überstrahlte alle. Vor dem Olympia-Winter hatte der gebürtige Göppinger den Sommer-Grand-Prix gewonnen und seine neue Klasse angedeutet. Im Weltcup sprang Raimund danach zwar fünfmal auf das Podest, der große Durchbruch blieb aber aus - Platz acht bei der Vierschanzentournee war vielmehr ein Rückschritt.

In Predazzo war Raimund dann aber voll da, beeindruckte schon im Abschlusstraining mit Topsprüngen in Serie. Die umgebaute Normalschanze, die nach schweren Stürzen bei der Generalprobe im Herbst für große Diskussionen gesorgt hatte, lag ihm spürbar. Sie springe sich sehr gut, sagte Raimund nach den ersten Trainingseindrücken am Donnerstag. Dass er vier Tage später zum "Gold-Hille" werden würde, war da dennoch kaum zu hoffen.
Für die Skispringer gibt es keine Zeit zum Durchschnaufen: Bereits am Dienstagabend (18.45 Uhr/ZDF und Eurosport) steht die Entscheidung im Mixed-Team an, das DSV-Quartett geht mit einer guten Medaillenchance in den Wettkampf.
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