Lisa Buckwitz war gerade angekommen auf dem Gipfel des Erfolgs – da begann schon der tiefe Fall. Keine Freude, kein Antrieb, keine Hoffnung: Nach ihrem Gold-Triumph von Pyeongchang 2018 stürzte die Bob-Olympiasiegerin schnell in ein emotionales Loch.
"Du stehst dann da und es ist nichts wie es vorher war. Deshalb bin ich auch in diese post-olympische Depression verfallen", sagte Buckwitz kürzlich in einer ZDF-Doku.

Auch nach den Winterspielen von Mailand und Cortina – die gerade erst ihr Ende gefunden haben – ist die Gefahr wieder groß. Langläuferin Laura Gimmler, Olympia-Dritte im Teamsprint, ist sich des Problems bewusst: "Ich habe von der Post-Olympia-Depression auch schon gehört. Ich denke, es ist wichtig, dass man nicht nur bis Olympia denkt und da voll drauf hinarbeitet und alles andere vergisst", sagte Gimmler im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.
"Was ist jetzt noch das nächste Ziel?"
Die post-olympische Depression ist ein Phänomen, das der Sportpsychologische Experte Dr. Moritz Anderten im Gespräch mit dem SID als "massiven emotionalen Erschöpfungszustand" beschreibt. Der stelle sich oftmals ein, wenn man große Erfolge erreicht habe und plötzlich die Frage aufkomme: "Was ist jetzt noch das nächste Ziel?", erklärt Anderten.
Eine offizielle Diagnose ist die post-olympische Depression (bislang) nicht, "sondern eher eine Wortschöpfung", dabei handelt es sich um ein Phänomen, das immer mehr Athletinnen und Athleten offen thematisieren.
Judoka Anna-Maria Wagner, Slalom-Kanutin Ricarda Funk, Dressur-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl und eben auch Buckwitz – sie alle haben nach ihren größten Erfolgen lange nicht wieder in die Spur gefunden. "Ich habe bestimmt drei Monate nicht trainiert, hatte eine Null-Bock-Stimmung, in den Tag hineingelebt, antriebslos", sagte Buckwitz.

Auch Olympiasieger betroffen
Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Sportler oder eine Sportlerin Olympiasieger geworden oder im Mittelfeld gelandet ist. "Die Bewertung der Platzierung hängt stark von der eigenen Erwartungshaltung ab – und vor allem von der realistischen Erwartung an sich selbst", erklärt Anderten: "Manche Athleten sind schon glücklich, sich überhaupt qualifiziert zu haben."
Im Gegenzug könne die post-olympische Depression auch erfolgreiche Athleten erwischen. "Selbst Olympiasieger berichten, dass es lange dauern kann, bis sie ihr Ergebnis wirklich verarbeiten", so der Experte.
"30 bis 40 Prozent" aller Olympioniken betroffen
Studien gehen inzwischen davon aus, dass "etwa 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer Symptome einer post-olympischen Depression erleben", sagt Anderten. Bekannt sei zudem, dass vor allem Menschen, die eine "gewisse Veranlagung zu depressiver Stimmung haben, vulnerabler sind".
Immerhin: Die Sichtbarkeit für das Thema wächst. "Immer mehr Sportler sprechen öffentlich über psychische Gesundheit im Leistungssport. Das ist sehr positiv, weil es zeigt, dass auch Spitzensportler Menschen sind und keine Maschinen", sagt Anderten.
