Oklahoma erwischte einen Traumstart, lag zur Halbzeit mit fünf Zählern vorn und ging sogar mit einem Acht-Punkte-Vorsprung ins Schlussviertel. Doch obwohl die Warriors stets einem Rückstand hinterherliefen, ließen sie die Thunder nie vollends davonziehen. Im letzten Spielabschnitt drehte Golden State schließlich auf, drückte aufs Tempo und sicherte sich einen 108:101-Erfolg. Wann immer Oklahoma anzusetzen schien, das Spiel zu entscheiden, hatte der Champion die passende Antwort parat – und ihr Name lautete: Klay Thompson.
Mit dem Rücken zur Wand lieferte der Scharfschütze eine historische Gala ab: 41 Punkte und 11 Dreier – damals ein neuer NBA-Playoff-Rekord. Allein im vierten Viertel erzielte er 19 Zähler und übertraf damit das gesamte Team der Thunder um einen Punkt. Sein entscheidender Treffer 1:23 Minuten vor dem Ende baute die Führung aus und besiegelte den Sieg. Es bleibt eine der legendärsten Einzelleistungen der NBA-Geschichte.
Thompson selbst zeigte sich im Anschluss dennoch selbstkritisch: "Ich hätte mindestens 13 Dreier treffen müssen, weil ich zu Beginn ein paar völlig freie Würfe vergeben habe", erklärte er direkt nach der Schlusssirene. Golden States Head Coach Steve Kerr sah das naturgemäß etwas anders: "Klay Thompson war schlicht unfassbar. Das war eine der beeindruckendsten Wurfleistungen, die man je auf einem Basketballplatz gesehen hat."
Thompson wuchs in Kalifornien auf, wo ihm Basketball bereits in die Wiege gelegt wurde. Sein Vater Mychal war 1978 der First-Overall-Pick im NBA-Draft und spielte für die Portland Trail Blazers sowie die San Antonio Spurs, ehe er mit den Los Angeles Lakers zwei Meisterschaften feierte.
Klay jagte demselben Traum hinterher: der Einzug in die NBA und das Gewinnen von Titeln. Während seiner drei Jahre am College bei Washington State stellte er zahlreiche Schulrekorde auf und sammelte etliche Auszeichnungen. Als Anerkennung für seine Leistungen zog die Universität seine Trikotnummer 1 im Jahr 2020 zurück – Thompson ist erst der zweite Basketballer in der Geschichte von Washington State, dem diese Ehre zuteilwurde.
Nachdem er in seinem Junior-Jahr bester Scorer der Pac-10 geworden war, meldete er sich zum NBA-Draft an. An elfter Stelle sicherten sich die Golden State Warriors die Rechte an dem talentierten Shooting Guard.
Die Geburt einer Dynastie
Der Shootingstar hob sein präzises Distanzspiel rasch auf das nächste Level und erkämpfte sich schnell seinen festen Platz in der Rotation. Zwar startete er seine Rookie-Saison zunächst auf der Bank, stand ab März jedoch dauerhaft in der Startformation.
Von diesem Moment an gab es für Thompson kein Halten mehr. Nach einer überzeugenden Premierensaison mit durchschnittlich 12,5 Punkten und einer Dreierquote von 41,4 % wurde er verdientermaßen ins NBA All-Rookie First Team gewählt. In der Folge entwickelte er sich Schritt für Schritt zum Gesicht der Franchise.
Am 31. Oktober 2014 verlängerte Thompson seinen Vertrag um vier Jahre für 70 Millionen Dollar – und setzte bereits am folgenden Tag ein dickes Ausrufezeichen: Mit 41 Punkten stellte er einen neuen Karrierebestwert auf. Es schien, als hätte die Vertragsunterschrift ein neues Spielniveau freigeschaltet. Thompson war fortan nicht mehr nur ein vielversprechender Jungprofi, sondern stieg zu einer der gefährlichsten Offensivwaffen der gesamten Liga auf.
In der Spielzeit 2014/15 steigerte sich Thompson erneut. Noch beeindruckender war jedoch der Erfolg des gesamten Teams: Mit 67 Siegen bei nur 15 Niederlagen stellten die Warriors einen neuen Franchise-Rekord auf, sicherten sich Platz 1 im Westen und gingen als Topfavorit in die Playoffs.
Thompsons Ankunft in Oakland brachte jedoch weit mehr als nur Siege. An der Seite von Superstar Stephen Curry formte er das wohl legendärste Wurf-Duo der Basketballgeschichte: die Splash Brothers. Ihre beispiellose Präzision aus der Distanz lehrte die Gegner das Fürchten und begeisterte Fans weltweit. Doch vor allem veränderten sie die Art und Weise, wie Basketball gespielt wird, von Grund auf.
Die Splash Brothers definierten den Wert des Dreipunktwurfs völlig neu. Sie bewiesen eindrucksvoll, dass man eine Meisterschafts-Offensive auf ständiger Bewegung, tiefen Würfen und modernem Spacing aufbauen kann – anstelle des klassischen Post-Plays oder der Mitteldistanz.
Diese Spielweise zog gegnerische Abwehrreihen weit auseinander und zwang die Verteidiger zu permanenter Höchstatmosphäre. Der Erfolg der Warriors entfachte eine globale Dreier-Revolution, die Trainer und Spieler auf allen Ebenen dazu inspirierte, auf Tempo, Distanzwürfe und positionslosen Basketball zu setzen.
In der Saison 2014/15 versenkten Curry und Thompson zusammen fantastische 525 Dreier – 41 mehr als bei ihrem vorherigen Rekord. In den Finals besiegten die Warriors schließlich die Cleveland Cavaliers in sechs Spielen, sicherten sich die NBA-Krone und beendeten eine 40-jährige Titelflaute. Es war die Geburtsstunde einer Dynastie.
Am 6. Dezember 2016 setzte Thompson gegen die Indiana Pacers ein weiteres Denkmal, als er 60 Punkte erzielte – und das in nur drei Vierteln, da er im Schlussabschnitt gar nicht mehr eingewechselt wurde. Wer nun glaubt, Thompson hätte den Ball in wilden Einzelaktionen durchgehend reklamiert, täuscht sich gewaltig.
An jenem Abend bot Thompson eine der effizientesten Vorstellungen der NBA-Geschichte: Er hielt den Ball insgesamt gerade einmal 88,4 Sekunden und benötigte im gesamten Spiel lediglich 11 Dribblings! Mit 21 Treffern bei 33 Feldversuchen, 8 von 14 Dreiern und 10 von 11 Freiwürfen zeigte er eindrucksvoll, was seine Ausnahmestellung im modernen Basketball ausmacht.
Rückschläge überwinden
2016 zogen die Warriors erneut ins Finale ein, mussten sich jedoch trotz einer 3:1-Führung den Cleveland Cavaliers um LeBron James geschlagen geben. Doch das Team schlug beeindruckend zurück und holte in den Jahren 2017 und 2018 zwei Meisterschaften in Folge.
Als Golden State 2019 gegen die Toronto Raptors um den nächsten Titel kämpfte und bei einem 2:3-Rückstand um ein entscheidendes siebtes Spiel rang, folgte die Hiobsbotschaft: Thompson riss sich im dritten Viertel das Kreuzband. Die schwere Verletzung beendete nicht nur seine Saison, sondern besiegelte auch das Aus der Warriors in der Finalserie.
Nachdem Thompson die gesamte Saison 2019/20 verpasst hatte, folgte kurz vor seinem Comeback im November 2020 der nächste Schock: Bei einem Freizeitspiel in Los Angeles riss seine Achillessehne. Ein weiterer verheerender Rückschlag, der ihn für ein komplettes weiteres Jahr außer Gefecht setzte. Nach insgesamt zweieinhalb Jahren Leidenszeit feierte Thompson im Januar 2022 schließlich sein ersehntes Parkett-Comeback.
Zurück an der Spitze
Viele Experten bezweifelten, ob der Scharfschütze nach diesen schweren Verletzungen je wieder zu alter Stärke zurückfinden würde. Doch Thompson straft die Kritiker Lügen: In 32 Hauptrundenspielen verbuchte er im Schnitt 20,4 Punkte bei einer Dreierquote von 38,5 %.
Was jedoch viel schwerer wog: Er führte die Warriors prompt wieder in die NBA-Finals. Dort setzte sich Golden State in sechs Spielen gegen die Boston Celtics durch – Thompsons vierter Meisterring. Bereits im ersten Finalspiel zog er zudem an LeBron James vorbei auf Platz zwei der ewigen Playoff-Dreierliste.
Dieser vierte Titel markierte den glanzvollen Höhepunkt der Dynastie. Obwohl Thompson weiterhin starke Leistungen zeigte, blieb der ganz große Erfolg für die Warriors in den Folgejahren aus. Im Februar 2024 musste Thompson erstmals seit 2012 wieder von der Bank kommen – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Dominanz vergangener Tage bröckelte.
Im entscheidenden Play-In-Spiel um den Playoff-Einzug unterlag Golden State den Sacramento Kings deutlich mit 94:118. Ausgerechnet in diesem Schicksalsspiel, das Thompsons letzter Auftritt im Trikot der Warriors werden sollte, erlebte er einen tiefen Rückschlag: Er blieb ohne einen einzigen Punkt und verfehlte sämtliche zehn Feldversuche.
Nach 13 Jahren in der Bay Area schlug Thompson ein neues Kapitel auf und wechselte im Rahmen eines historischen Sechs-Team-Sign-and-Trades zu den Dallas Mavericks. An der Seite von Luka Doncic und Kyrie Irving sollte ein neues Superteam entstehen – doch das Projekt scheiterte schnell. Doncic wurde im Februar 2025 getradet, und nur einen Monat später zog sich Irving einen Kreuzbandriss zu.
Die Mavericks konnten ihr Potenzial nie abrufen. Thompson fand sich meist in der Reservistenrolle wieder und stand lediglich in 8 von 69 Spielen in der Startformation. Die Saison spiegelte sich in Tiefstwerten seiner gesamten Karriere wider: 11,7 Punkte, 38,3 % Dreierquote, 76,6 % Freiwurfquote sowie 2,1 Rebounds und 1,4 Assists pro Spiel. Erneut schien das Schicksal des mittlerweile 36-jährigen Shooting Guards besiegelt. Viele sahen seine Glanzzeiten endgültig in der Vergangenheit und den Ruhestand vor der Tür.
Chance auf Wiedergutmachung
Doch Thompson denkt noch lange nicht ans Aufhören. Am 23. August 2026 sorgte eine überraschende Nachricht für Aufsehen in der Liga: Klay Thompson einigte sich mit den Mavericks auf einen Buyout und unterzeichnete einen Zweijahresvertrag über 11,5 Millionen Dollar bei den Miami Heat.
Die Franchise aus Florida hat ihren Kader radikal umgebaut. In der Offseason sicherten sich die Heat den griechischen Superstar Giannis Antetokounmpo sowie Bobby Portis aus Milwaukee und gaben im Gegenzug Tyler Herro, Jaime Jaquez Jr., Kel’el Ware, Kasparas Jakucionis sowie mehrere Draftpicks ab.
Da Herro bis dahin Miamis treffsicherster Distanzschütze war, entstand auf dem Flügel eine Lücke, die nach hochkarätigem Ersatz verlangte. Und wenn es darum geht, ein Spiel von außen zu entscheiden, gibt es kaum eine bewährtere Adresse als Thompson.
"Klay ist eine der ikonischsten Persönlichkeiten, die dieser Sport je gesehen hat", betonte Heat-Präsident Pat Riley. "Er ist ein vierfacher, meisterschaftserprobter Champion, der perfekt in unser System passt. Alle sprechen über seine Wurfqualitäten, doch er bringt unglaublich viel Vielseitigkeit an beiden Enden des Feldes mit. Wir schätzen uns glücklich, dass Klay sich für die Heat entschieden hat, um gemeinsam mit uns um Titel zu kämpfen."
Miami stellt damit einen hochgefährlichen Kern für die kommende Saison auf: Neben Antetokounmpo und Thompson steht mit Bam Adebayo einer der besten Two-Way-Center der Liga im Kader. Adebayo schrieb erst im März 2026 Geschichte, als er gegen die Washington Wizards sagenhafte 83 Punkte erzielte – die zweithöchste Ausbeute der NBA-Historie hinter Wilt Chamberlains legendären 100 Punkten und noch vor Kobe Bryants 81-Punkte-Gala.
Die Kombination aus Antetokounmpos Wucht, Adebayos defensiver Dominanz und Thompsons Präzision verleiht den Heat eine hochbrisante Mischung aus Talent und Erfahrung. Thompson bringt zudem eine Eigenschaft mit, die unbezahlbar ist: die Siegermentalität eines Champions. Viermal stand er bereits ganz oben – und sein Ziel ist klar: Er will seine Karriere stilvoll und mit einem weiteren Ring krönen.
Thompson reist mit 2.899 Karriere-Dreiern nach Miami im Gepäck – Platz vier in der ewigen Rangliste der NBA. Nur noch 74 Treffer trennen ihn von Ray Allen auf Rang drei. Allen selbst ist eine Legende der Heat, unvergessen durch seinen dramatischen Ausgleichsdreier in Spiel 6 der Finals 2013 gegen die Spurs. Es bleibt die spannende Frage: Wird Klay Thompson in seine Fußstapfen treten?
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