PSG-Macher Enrique: Wie er aus Einzelspielern ein Team formte

Luis Enrique an der Seitenlinie.
Luis Enrique an der Seitenlinie.REUTERS/Stephanie Lecocq

Das Video hat längst Kultstatus. Luis Enrique schimpft Kylian Mbappé mit heiserer Stimme ins Gesicht, der eingeschüchterte Weltstar erträgt die unflätigen Tiraden des Trainers wortlos wie ein Lehrling den Anpfiff seines Meisters. Keine zwei Monate später wechselt Mbappé zu Real Madrid – und Paris Saint-Germain setzt mit Chef Enrique zu einem Sturmlauf auf Europa an, der am 31. Mai 2025 auf dem Thron endet. Endlich!

Wer den Trainer hinter dem Triumph verstehen will, muss diese 90 Sekunden sehen. Oder am besten die ganze Doku, die nach einem Enrique-Spruch "No tenéis ni puta idea" heißt – jugendfrei übersetzt: "Ihr habt verdammt noch mal nicht die leiseste Ahnung." Wie Mbappé, den Enrique als Möchtegern-Michael-Jordan beschimpfte, um ihn zum Verteidigen zu animieren.

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Oder wie Ousmane Dembélé. Den machte Enrique mit ähnlichen Methoden vom Hallodri zur Pressingmaschine, zum Weltfußballer und Anführer jener Ausnahme-Elf, die sich im Halbfinal-Hinspiel der Champions League am Dienstag (21.00 Uhr/Prime Video) dem FC Bayern entgegenstellt.

Dass er den Stürmerstar im Herbst 2024 wegen Disziplinlosigkeit aus dem Kader strich, sei "meine beste Entscheidung" gewesen, rühmte sich Enrique später. Sie rüttelte Dembélé wach – und zeigte allen: Beim einstigen Glitzerklub ist niemand mehr größer als der Verein.

Enrique lebt diese Kultur vor. Der sture Asturier habe mit seiner Amtsübernahme 2023 "einen anderen Spirit" hereingebracht, sagte der frühere Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge bei t-online: "Vorher ging man zu PSG des Geldes wegen, jetzt, weil es eine der drei Top-Adressen in Europa ist." Dass Paris nach dem Achtelfinal-Aus gegen die Münchner 2023 nun zum dritten Mal in Folge im Halbfinale stehe, sei "kein Zufall. Sie präsentieren tollen Fußball".

Unterstützt vom kongenialen Kaderplaner Luis Campos hat Enrique ein Monster erschaffen, das Spektakel mit gnadenlosem Pressing mischt. Nach dem Vorbild FC Barcelona, dem Enrique 2015 seinen bislang letzten Henkelpott beschert hatte, frisst es seine Gegner. Wie Inter Mailand im einseitigsten Endspiel seit 70 Jahren (5:0). Kein Wunder, dass Enrique vor dem Duell mit den Bayern tönte: "Wir sind bereit!"

Schicksalsschlag, WM-Aus, Welttrainer

Sein robuster Charme, den er gerne mit etwas Selbstironie würzt, hat mit seiner Herkunft zu tun. Seine persönliche Freiheit mit einem schweren Schicksalsschlag. 2019 starb seine neunjährige Tochter Xana an Knochenkrebs. Er denke "jeden Tag" an sie, erzählte Enrique nach dem Triumph über Inter, "auch wenn ich keine Titel gewinne". Wer einen solch schmerzlichen Verlust kennt, den schreckt keine Auseinandersetzung – nicht auf dem Platz, nicht vor der Videoleinwand wie mit Mbappé.

Dabei verlief Enriques Trainerkarriere keinesfalls geradlinig. Spaniens Nationalteam verließ er nach dem Achtelfinal-Aus bei der WM 2022 gegen Marokko als Gescheiterter. Bei PSG aber machte der 55-Jährige sein Meisterstück. "Er hat alles verändert. Er hat eine andere Art, Fußball zu sehen", sagte der Ex-Dortmunder Achraf Hakimi.

Auf dem Weg ins Halbfinale ließ Enriques Elf Englands Schwergewichten Chelsea und Liverpool keine Chance. Kein Wunder, dass Paris dem "besten Trainer der Welt" (Präsident Nasser Al-Khelaifi) bald mehr bezahlen will als Weltfußballer Dembélé. Die nächsten Kultvideos sind sicher schon in Arbeit.