Der Verein ist zu einem Symbol des Widerstands geworden – in einer Stadt, über der noch immer Drohnen kreisen.
Am 24. Februar 2022 veränderte sich alles schlagartig. Anton Boychenko, Trainer der U14, erinnert sich an diesen Tag wie an einen Sprung in eine surreale Welt. Er stammt aus Cherson und befand sich zu Beginn der Invasion in Chernihiv. Trotz der Unsicherheit entschied er sich zu bleiben und verbrachte die gesamte Belagerung ohne Strom, Wasser und Heizung.
Chernihiv trotzt den Angriffen
Vom 24. Februar bis zum 1. April war die strategisch wichtige Stadt vollständig eingeschlossen. Sie war von der Außenwelt abgeschnitten und ununterbrochenen Angriffen ausgesetzt. Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Sportanlagen wurden zerstört. Fluchtwege waren rar und gefährlich. In dieser Zeit ging es nicht um Sport, es ging ums Überleben.
Nach der Befreiung offenbarte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung. Das Stadion von Desna Chernihiv lag in Trümmern, der Verein konnte nicht mehr am Ligabetrieb teilnehmen und löste sich schließlich auf. Für Yuriy Synytsia, Präsident des FC Chernihiv, war dies ein einschneidender Moment: Der Verlust hinterließ nicht nur eine sportliche, sondern auch eine symbolische Lücke. Gleichzeitig wuchs die Verantwortung. Der FC Chernihiv verstand sich nun als Spiegel einer Stadt, die sich nicht beugen will.
Auch der Verein selbst blieb vom Krieg nicht verschont. Stadion, Verwaltungsgebäude und Infrastruktur wurden beschädigt. Während der Kämpfe verlief sogar eine Frontlinie über das Spielfeld, ein Scharfschütze hatte sich in den Tribünen verschanzt. Nach dem Ende der Belagerung halfen Bewohner gemeinsam dabei, Trümmer zu beseitigen und das Gelände zu sichern.
Am 26. April 2022 fand das erste Training auf heimischem Boden statt – zuvor musste das Team noch Trümmer vom Platz räumen. Doch selbst danach kam es immer wieder zu Rückschlägen durch erneute Angriffe. Im Sommer startete der Verein schließlich eine Spendenkampagne zum Wiederaufbau.
Die Herausforderungen reichen weit über den Sport hinaus: Viele Familien wurden vertrieben, die Wirtschaft ist geschwächt, Sponsoren fehlen, Spieler wandern ab, Schulen schließen.
Trotzdem verfolgt der FC Chernihiv konsequent seinen eigenen Weg. Der 2003 gegründete Verein wird nicht von Investoren getragen, sondern von zwei Brüdern, die eine klare Vision haben. Inspiriert von europäischen Stadien entwickelten sie ihre eigene Arena und verfolgen eine besondere Philosophie: Der Verein versteht sich als "Bilbao des Ostens" und setzt ausschließlich auf Spieler aus der Region oder aus der eigenen Jugend.

Dieses Konzept ist nicht nur sportlich motiviert, sondern Ausdruck von Identität und Zusammenhalt. Gerade im Krieg ist es zu einem Akt des Widerstands geworden. Spieler aus der Region fühlen eine besondere Verantwortung gegenüber ihrer Heimat. Kurzfristiger Erfolg steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um nachhaltige Entwicklung.
Sportlich zahlt sich dieser Ansatz aus: Der Verein spielt inzwischen in der zweithöchsten Liga und erreichte erstmals das Viertelfinale des ukrainischen Pokals.
Für viele Spieler hat der Verein eine tief persönliche Bedeutung. Verteidiger Andriy Porokhnya verlor seinen Vater im Krieg. Für ihn ist jedes Spiel ist Erinnerung und Verpflichtung zugleich. Die Mannschaft trägt diesen Geist gemeinsam: Sie wissen, dass ihr Spiel nur möglich ist, weil andere an der Front kämpfen.
Der Alltag im Verein ist geprägt vom Krieg. Trainings werden regelmäßig durch Sirenen unterbrochen. Dann suchen Spieler und Kinder Schutz in speziell gebauten Bunkern, wo das Training in anderer Form weitergeht: mit Theorieeinheiten oder Erste-Hilfe-Kursen. Trainer übernehmen dabei auch eine wichtige psychologische Rolle, denn viele Kinder haben Eltern im Krieg verloren oder an der Front.

Trotz aller Widrigkeiten bleibt der Verein aktiv. Spiele müssen zwar immer wieder abgesagt werden, doch ein Stillstand kommt nicht infrage. Im Gegenteil: Der FC Chernihiv investiert weiter, baut Trainingsanlagen aus und schafft Perspektiven für junge Spieler.
Das Herz des Vereins sind seine rund 500 Nachwuchsspieler. Für sie bedeutet Fußball ein Stück Normalität und Hoffnung. Der Verein gibt ihnen Struktur, Halt und eine Zukunftsperspektive – jenseits der täglichen Nachrichten vom Krieg.

Auch die erste Mannschaft bleibt bewusst in Chernihiv, obwohl andere Regionen sicherer wären. Diese Entscheidung stärkt das soziale Gefüge der Stadt. Spieler engagieren sich aktiv in der Nachwuchsarbeit und geben ihre Erfahrungen weiter.
Seit 2025 trägt die Mannschaft ihre Spiele auf einem provisorischen Kunstrasenplatz aus, während das ursprüngliche Stadion wieder aufgebaut wird. Mit Naturrasen, moderner Infrastruktur und neuen Anlagen entsteht dort ein Symbol für den Wiederaufbau.

Wenn dort eines Tages wieder der Anpfiff ertönt, wird es ein Zeichen dafür sein, dass die Stadt überlebt hat – und dass das Leben zurückgekehrt ist.
