Für den ehemaligen Stürmer Grafite ist dieses Szenario jedoch alles andere als ein Problem: Die aktuelle Situation erinnert ihn direkt an die Jahre, in denen Brasilien den vierten und fünften WM-Titel holte – auch damals startete das Team unter Skepsis von Fans und Presse in das Turnier.
Um die aktuelle Lage Brasiliens und die wichtigsten Favoriten des nun beginnenden Turniers zu analysieren, teilte der Ex-Profi seine Eindrücke im Interview mit Flashscore.
Mit der Erfahrung, selbst 2010 für die Seleção bei der WM gespielt und auf europäischen Plätzen geglänzt zu haben, analysierte der ehemalige Mittelstürmer des VfL Wolfsburg die taktischen Optionen im Angriff und bewertete den Umbruch anderer großer Fußballnationen. Im Gespräch zeigte er sich sehr optimistisch für die Zukunft Brasiliens und sieht den jungen Endrick als idealen Namen, um dem Angriff der Seleção neuen Schwung zu verleihen.
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Außerdem warf Grafite einen genauen und differenzierten Blick auf den europäischen Fußball und sieht die Auswahl von Deutschland als gefährliche Kraft, die unterschätzt wird und in der USA durchaus für positive Überraschungen sorgen kann.

Grafite im Interview mit Flashscore
Was erwarten Sie von der brasilianischen Nationalmannschaft bei dieser WM, auch im Hinblick auf die Trainings in New Jersey und die Situation von Neymar, der noch nicht komplett fit ist?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Seleção das wiederholen kann, was 1994 und 2002 passiert ist – als sie mit einer gewissen Skepsis von Fans und Medien ins Turnier gestartet ist. Ich denke, dieses Misstrauen ist nach der Ankunft von Ancelotti etwas zurückgegangen, denn er ist ein Trainer mit großem Renommee und vermittelt enorme Sicherheit.
Im Gespräch mit europäischen Journalisten merke ich, dass sie eine andere Sichtweise haben und viel mehr an Brasilien glauben als wir selbst – wegen der Geschichte als fünffacher Weltmeister. Der Kader hat auf jeden Fall das Potenzial, im Turnierverlauf zu wachsen, dank der individuellen Klasse dieser neuen Generation.

Was Neymar betrifft, hoffe ich, dass er sich erholt und zumindest ein paar Minuten spielen kann. Wir wissen, dass er in den entscheidenden Spielen keine 90 Minuten durchhalten wird, aber schon 15 oder 20 Minuten können einen großen Unterschied machen. Wenn er seine Erfahrung mit der Energie der jungen Spieler verbindet, hat Brasilien beste Chancen auf ein starkes Turnier und das Erreichen des Finales.
Wenn Sie speziell an den Angriff der Seleção und Ihre eigene Erfahrung auf dieser Position denken: Wer wäre Ihre Idealbesetzung – Igor Thiago, Endrick oder Matheus Cunha?
Ich setze sehr auf Endrick. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler. Seine Eigenschaften, seine Dynamik und seine Explosivität sind überdurchschnittlich. Er ist ein durchsetzungsstarker Stürmer, der viel arbeitet und in die Zweikämpfe geht – etwas, das er mit der Zeit noch besser dosieren wird.

Auch Igor Thiago hat sich zuletzt sehr gut entwickelt. Er ist ein klassischer Neuner, aber ich habe gewisse Bedenken mit dieser Rolle in der Seleção. Bei den Weltmeisterschaften 2014, 2018 und 2022 war das Spielsystem komplett auf Neymar zugeschnitten, was den Mittelstürmern wie Fred, Gabriel Jesus, Firmino und auch Richarlison – obwohl dieser 2022 getroffen hat – nicht zugutekam.
Der klassische Mittelstürmer hat es im aktuellen System Brasiliens schwer, mit Bällen versorgt zu werden. Igor Thiago erinnert mich in seinem Stil sogar ein wenig an mich selbst, als ich 2010 erstmals für die Seleção nominiert wurde. Dennoch sehe ich in Endrick das Potenzial, die große Überraschung zu werden und sich im Laufe des Turniers einen Stammplatz zu erkämpfen. Das hängt aber vom System ab: Spielen wir mit einem robusteren, defensiven Mittelfeld oder mit vier Angreifern – dann müsste Matheus Cunha taktisch zurückstecken, um das Gleichgewicht im Team zu halten.

Sie haben selbst in Deutschland gespielt und Geschichte geschrieben – wie bewerten Sie die deutsche Nationalmannschaft im aktuellen Prozess des taktischen und personellen Umbruchs?
Das große Ziel Deutschlands ist es, eine deutlich bessere WM zu spielen als 2018 und 2022. Für einen vierfachen Weltmeister, der 2014 den Titel geholt hat, sind zwei frühe Ausscheiden in Folge katastrophal für das Image des deutschen Fußballs.
Ich habe kürzlich mit einigen brasilianischen Journalisten darüber gesprochen, dass wir viel zu wenig über Deutschland und Portugal reden – zwei Teams mit sehr starken Kadern, die überraschen können.

Natürlich wären das keine Sensationen im klassischen Sinne, denn Deutschland hat vier Titel und Portugal eine herausragende Mannschaft. Ich habe das Ende der deutschen Vorbereitung genau verfolgt und es war schade, dass sich Lennart Karl verletzt hat – er hätte dem Team sehr geholfen.
Trotzdem glaube ich, dass Deutschland mit viel Energie zur WM fährt, um ein gutes Turnier zu spielen und das Finale anzupeilen – mit einer ganz anderen Leistung als in den letzten Ausgaben, auch weil ihre aktuelle Form viel besser ist.
Abschließend: Was sind Ihre taktischen Überlegungen und welche fünf Teams sind Ihre Favoriten auf den WM-Titel?
Aktuell kommt man an Frankreich und Spanien nicht vorbei – sie gehören wegen ihrer Leistungen zur Weltspitze. Dahinter sehe ich Argentinien als amtierenden Weltmeister, Brasilien und Deutschland – beide wegen ihrer Tradition und der Strahlkraft ihrer Nationen.
Portugal hat ebenfalls einen sehr starken Kader und ist ein Geheimfavorit. Außerdem gibt es bei Weltmeisterschaften immer wieder Überraschungen: Teams, die in Topform anreisen, wie Norwegen, oder Marokko, das bei der letzten WM für Furore gesorgt hat. Wenn ich also eine realistische Top 5 festlegen müsste, wären das Frankreich, Spanien, Argentinien, Brasilien und als letztes Deutschland oder Portugal.
