Im Namen des "Goldjungen": Facundo Medina tritt in Maradonas Fußstapfen

Facundo Medina startet in der Nacht auf Mittwoch mit Argentinien in die WM.
Facundo Medina startet in der Nacht auf Mittwoch mit Argentinien in die WM.TODD KIRKLAND / GETTY IMAGES VIA AFP

Nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Argentiniens größte Fußball-Ikone ihre Jugend verbrachte, schließt sich ein Kreis der Geschichte: 40 Jahre nach dem triumphalen WM-Sieg von Diego Armando Maradona reist mit Facundo Medina erneut ein Sohn aus Villa Fiorito mit dem Nationaltrikot im Gepäck zur Weltmeisterschaft.

Das Schicksal knüpft manchmal Bande, die symbolischer sind als jede Verwandtschaft. Dass Maradona und Medina beide fußballerische Linksfüßer sind, ist dabei nur eine Randnotiz. Ihre wahre Verbindung liegt in ihren Wurzeln: die Villa Fiorito, einem von Armut geprägten Viertel im Großraum Buenos Aires.

Als Medina am 28. Mai 1999 zur Welt kam, war der "Goldjunge" Maradona längst eine lebende Legende – ein Mann, dessen extremes Leben ihn zu einem globalen Popstar des Sports gemacht hatte. Medina selbst betont diese tiefe Verbundenheit: "Ich bin nur acht Blocks von Diegos damaligem Haus geboren. Seine Präsenz ist dort allgegenwärtig. Fiorito ist ein Viertel, das den Fußball förmlich atmet."

Medina beim Training
Medina beim TrainingReuters/Maria Lysaker

Genau wie sein berühmtes Vorbild wuchs auch der heutige Verteidiger auf den staubigen Bolzplätzen Fioritos auf – mit dem kleinen Unterschied, dass es in seiner Kindheit zumindest schon ein paar asphaltierte Straßen gab. Bevor Medina zu Beginn seiner Teenagerjahre in die Jugendakademie von River Plate wechselte, war sein Alltag vor allem von familiärem Zusammenhalt und harter Arbeit geprägt.

"Wir mussten im Viertel schlichtweg überleben", erinnert sich der Profi. "Ich musste anpacken wie alle anderen auch. Gemeinsam mit meinen Onkeln bin ich losgezogen, um Karton zu sammeln. Das war von Montag bis Freitag unser Familienjob. Wir hatten zwar genug zu essen, aber dafür mussten wir hart arbeiten." Zwischen Schule, Straßenfußball und Training verlor er nie den Fokus – auch dann nicht, als er mit zwölf Jahren in ein wohlhabenderes Viertel zog, um professionell an seiner Karriere zu feilen.

Ein Eindruck von Villa Fiorito
Ein Eindruck von Villa FioritoAntonio Moschella

Maradona hatte Fiorito einst mit 15 Jahren verlassen, als ihm sein Club Argentinos Juniors ein Haus im Stadtteil La Paternal stellte. Doch beide zog es immer wieder in die Heimat zurück. Ein Familienmitglied erzählt über den jungen Facundo: "Selbst als er schon längst bei River Plate trainierte, tauchte er samstags immer noch beim Viertelturnier der ‚Gauchitos‘ auf, wo er als Kind angefangen hatte." Medina vergaß nie, wo sein Herz schlägt – auch nicht, als er sich an eine privilegiertere und strukturiertere Welt anpassen musste.

Historische Chance für die "Albiceleste"

Medinas unermüdlicher Arbeitsethos sprach sich in ganz Fiorito herum. Seine Nominierung für die Nationalmannschaft unter Trainer Lionel Scaloni ist der Lohn für jahrelange Entbehrungen. Nach der jüngsten Verletzung von Nicolas Tagliafico könnte sich für ihn nun die große Chance bieten: Ein Startplatz als Linksverteidiger im Auftaktspiel gegen Algerien winkt, nachdem er diese Rolle bereits im Testspiel gegen Island erfolgreich ausgefüllt hat.

Während Argentinien das 40-jährige Jubiläum des WM-Titels von 1986 feiert, vertritt Medina seine Farben auf der größten aller Bühnen – getragen von der Hoffnung, ein stolzes Erbe weiterzugeben. Villa Fiorito, jene raue Erde, auf der einst die rebellischste Blume des Weltfußballs blühte, lebt im Gedächtnis einer ganzen Nation weiter.

Sollte Argentinien der erneute Triumph gelingen, wäre dies eine historische Sensation: Seit 1962 hat es keine Nationalmannschaft mehr geschafft, zwei WM-Titel in Folge zu gewinnen. Kritiker mögen anmerken, dass die Albiceleste das Turnier in den USA beginnt – ausgerechnet dort, wo Maradona einst die härteste Dopingsperre der FIFA-Geschichte verbüßen musste.

Romantiker hingegen träumen von einer ganz eigenen Poesie: Ein weiterer Linksfuß aus Fiorito steht bereit, die begehrteste Trophäe der Welt in den Himmel zu strecken. Ausgerechnet in dem Land, das Diego zeit seines Lebens herausforderte. Es wäre die ultimative Revanche in seinem Namen.

Zum Match-Center: Argentinien vs. Algerien

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