Wo verläuft die Grenze zwischen einer schnöden Pechsträhne und einem mysteriösen Fluch? Kimi Antonelli testet das gerade aus, beim Heimspiel in Monza. Der Italiener war 18 Jahre alt, als er dort in seinem ersten Formel-1-Training gleich mit hohem Tempo in die Reifenstapel krachte. Er war 19, als sein Teamchef ihm eine "enttäuschende" Leistung beim ersten Grand Prix in Monza bescheinigte. Nun ist Antonelli 20, er kommt als souveräner WM-Spitzenreiter zum Rennen im Königlichen Park - doch er weiß schon vorher, dass er von ganz weit hinten starten wird.
"Das ist enttäuschend für ihn und für die Fans, die ihn zu Hause an der Spitze sehen wollen", sagt Teamchef Toto Wolff vor dem Großen Preis am Sonntag (15.00 Uhr/Sky), "aber in unserem Sport werden Sentimentalitäten nicht belohnt."
Taktisch gute Strafe beim Heimspiel?
Mercedes hat die Situation also nüchtern bewertet und sich für einen Motorenwechsel an Antonellis Boliden entschieden. Das wird ihn in der Startaufstellung weit zurückwerfen und ihm wohl jede nehmen - folgt aber einer Logik. Die Maßnahme wäre in den kommenden Rennen unausweichlich geworden, und in Monza lässt sich auf den langen Geraden gut überholen. Dort ist also Schadensbegrenzung machbar: Möglichst viele WM-Punkte trotz der Motorenstrafe.
Antonelli kommt allerdings ohnehin ganz gut klar mit seiner Rolle an diesem Wochenende. Es werde für ihn persönlich ein völlig anderes Heimspiel sein als im vergangenen Jahr, "andere Einstellung, anderes Mindset, ich werde es mehr genießen können", sagt er.
Das passt zu Antonellis Jahr 2026, denn der immer noch recht neue Formel-1-Pilot hat eine Verwandlung hinter sich. Der junge Mann aus Bologna galt früh als Wunderkind, er übersprang die Formel 3 und durfte nach nur einer Saison in der Formel 2 bereits einen Mercedes in der Königsklasse steuern. Die Erwartungen waren schon während der ersten Schritte entsprechend, und in seinem Debütjahr lasteten sie offenbar schwer auf ihm.
Letztes Jahr "mehr gewachsen als erwartet"
Exemplarisch verlief das Rennen in Monza 2025, mit einem schweren Trainingsunfall, Problemen mit den Streckengrenzen, einer Zeitstrafe und einem enttäuschenden neunten Platz. Wolff adressierte den Druck damals öffentlich, das Team arbeite daran, Antonellis "Ballast loszuwerden", damit er "frei" fahren könne.
Das tut er seit Jahresbeginn. "Ich habe nicht mehr so sehr das Gefühl, etwas beweisen zu müssen", sagt Antonelli. Bereits sechs Rennen hat er gewonnen, führt mit jeweils 59 Punkten Vorsprung auf seinen George Russell und Lewis Hamilton im Ferrari. Die Gründe für verschenkte Punkte im Saisonverlauf sind bislang im Auto zu suchen, eher nicht beim Piloten, der kaum noch Fehler begeht. Die teilweise harten Erfahrungen des vergangenen Jahres hätten geholfen, sagt er, "sie waren genau das, was ich brauchte, weil ich dadurch mehr gewachsen bin als erwartet."
Druck ist allerdings noch immer da. Antonelli ist der erste Italiener seit 73 Jahren, der als WM-Spitzenreiter nach Monza kommt. Und die Konkurrenz um Hamilton, Russell und Weltmeister Lando Norris im McLaren war zuletzt stärker als zu Jahresbeginn. Schadensbegrenzung wird zweifellos notwendig sein beim Heimrennen am Sonntag. Bei "idealem Verlauf", sagt er, sei ein Platz in den Top 5 realistisch.
