Zum Hauptinhalt springen

Zverev gewinnt die US Open – Zweiter Grand-Slam-Titel in drei Monaten

Aktualisiert
Alexander Zverev mit der US Open-Trophäe
Alexander Zverev mit der US Open-TrophäeIMAGN IMAGES via Reuters/Robert Deutsch

Alexander Zverev küsste die Silbertrophäe innig und hielt sie fest umschlungen. Die großen Pokale, auf die er so lange hingearbeitet hatte, sie kommen nun anscheinend im Abo zum deutschen Tennisstar. "Es hat fast 30 Jahre gebraucht, und jetzt gewinnen wir zwei Grand Slams in wenigen Monaten", sagte Zverev in seiner Dankesrede nach dem 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 im US-Open-Finale gegen Lokalmatador Ben Shelton.

Voll des Dankes besonders für seine Mutter war Zverev, der nach seinem zweiten Grand-Slam-Triumph binnen 14 Wochen auch die Spitze der Weltrangliste ins Visier nimmt: "Ich möchte meiner Mutter danken, ohne die ich nicht hier wäre. Wenn dein Sohn mit vier Jahren die Diagnose Diabetes bekommt und seine Möglichkeiten im Leben und im Sport limitiert sein würden, braucht es jede Menge Stärke, deinem Sohn zu erzählen, dass er alles sein kann, was er nur möchte."

 Dabei hatte der Hamburger nach dem Matchball einige Sekunden gebraucht, um zu realisieren, dass er das lange einseitige Duell in New York gewonnen hatte. Erst die Reaktionen aus seiner Box holten ihn aus dem Tunnel, Zverev riss die Arme hoch und strahlte.

Der 29-Jährige, der Anfang Juni bei den French Open seinen langersehnten ersten Grand-Slam-Erfolg errungen und fünf Wochen später das Wimbledon-Finale erreicht hatte, veredelt beharrlich sein mit Abstand bestes Jahr auf der Profitour. Zverev kassiert ein Rekordpreisgeld von 5,5 Millionen Dollar (rund 4,7 Millionen Euro). Und er schrieb ein schmerzhaftes Kapitel seiner Karriere um.

Zum Match-Center: Alexander Zverev vs. Ben Shelton

An gleicher Stelle vor sechs Jahren hatte Zverev schließlich das Finale dramatisch in fünf Sätzen gegen den Österreicher Dominic Thiem verloren, nun ist er der zweite deutsche Einzelchampion in New York nach Boris Becker. Nach dem Leimener, der 1989 Wimbledon und die US Open gewonnen hatte, gelangen Zverev zudem als zweitem deutschen Mann zwei Major-Siege in einer Saison.

Statistiken: Zverev vs. Shelton
Statistiken: Zverev vs. SheltonFlashscore

Mit Finalteilnahmen bei allen vier großen Turnieren und drei in Folge ist er dem sechsmaligen Major-Champion Becker sogar voraus.

Zverev verlängerte mit seinem 26. Turniersieg auch die Durststrecke einer großen Tennisnation: Seit dem 7. September 2003, dem US-Open-Triumph von Andy Roddick, warten die USA auf einen Grand-Slam-Champion im Männer-Einzel. Shelton (23) ist ein Spieler mit Perspektive, kürzlich gewann er das Masters in Montréal, präsentierte sich in New York stabil wie nie, warf im Viertelfinale Titelverteidiger Carlos Alcaraz raus.

Zverev nähert sich Platz 1

In der Weltrangliste verbessert sich Shelton auf Rang vier, so hoch stand er noch nie. Zverev bleibt die Nummer zwei, die erstmalige Übernahme des Spitzenplatzes rückt aber in Reichweite.

Branchenprimus Jannik Sinner hatte seine US-Open-Teilnahme wegen Kniebeschwerden abgesagt, seit seinem Wimbledon-Finalsieg über Zverev hat der Italiener kein Match bestritten. Sinner muss bis Ende der Saison mehr als 3500 Ranglistenpunkte verteidigen, Zverev nur rund 1000.

Durch seinen US-Open-Sieg liegt er im Ranking lediglich noch 1810 Zähler zurück. Der Spanier Alcaraz, zu Jahresbeginn die Nummer eins, muss nach monatelanger Verletzungspause erst seine Form wiederfinden.

Grand-Slam-Finals werden "zur Normalität"

Zverev betrat die Katakomben des größten Tennisstadions der Welt gut gelaunt in Badeschlappen. Dass ihm nicht nur Shelton, sondern auch die gut 24.000 Zuschauer im Arthur Ashe Stadium das Leben schwer machen wollten, bekümmerte Zverev keineswegs: "Ich liebe eine Atmosphäre, die laut ist und auch ein bisschen feindselig. Solange die Fans nicht in den Aufschlag reinschreien, ist alles okay."

Zverev, der in den ersten beiden Runden gegen Außenseiter jeweils über fünf Sätze hatte gehen müssen, steigerte sich im Turnierverlauf erheblich, auf dem Weg ins Endspiel gewann er 13 Sätze in Folge. Weiteres gutes Omen: Grand-Slam-Finaldebütant Shelton gehörte zu seinen Lieblingsgegnern, in allen fünf vorherigen Duellen siegte Zverev und gab in Summe nur einen Satz ab. Überhaupt liegen dem Tokio-Olympiasieger Linkshänder, von 45 Matches seit Juni 2023 verlor er nur eines.

Auch Becker sah Zverev vorn. Grand-Slam-Finals würden "langsam zur Normalität für ihn", sagte der 58-Jährige in seiner Expertenrolle für Sporteurope.tv: "Die Frage ist: Wie geht er mit der Atmosphäre um?"

Nervosität war aber nur Finaldebütant Shelton anzumerken, der erste Satz war nach zwei verlorenen Aufschlagspielen schnell weg. "Shelton ist schon an seiner Grenze", bemerkte Becker. Auch Zverev holte ihn nicht ernsthaft ins Match zurück, den Verlust von Satz drei konterte er mit einem Break zu Beginn des vierten Durchgangs. Die Zuschauer waren dadurch kein wesentlicher Faktor.

Im ersten Vergleich mit einem Top-20-Spieler im Turnierverlauf – schon in Paris und Wimbledon hatte er Gegnerglück gehabt – agierte Zverev vor zahllosen Prominenten aus Sport und Showgeschäft voller Selbstvertrauen und mit Kontrolle.

Zum Tennis-Tracker