Für die Verkündung der "Wahrheit" hatte sich Cristiano Ronaldo ein paar Tage Zeit genommen. Seine Erklärung, warum er vor einer Woche von der portugiesischen Nationalmannschaft in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgereist war, sollte offenbar wohlüberlegt formuliert sein, es wurden 1.740 Worte, die Ronaldo am Dienstagabend auf Instagram postete. Die Quintessenz des Beitrags: Kein Rücktritt, dafür eine Entschuldigung sowie eine Anklage. Und die Schlussfolgerung, dass der Machtkampf zwischen Ronaldo und Jorge Jesus nun erst so richtig Fahrt aufnimmt.
Nein, er hätte das Trainingslager der portugiesischen Auswahl in Kopenhagen in der vergangenen Woche nicht verlassen dürfen, räumte Ronaldo in seinem ausführlichen Statement ein, dass er schon kurz nach seiner Abreise angekündigt hatte. Die Verantwortung dafür liege allein bei ihm, gab er sich vermeintlich reumütig - und lieferte zugleich eine mit pikanten Vorwürfen versehene Rechtfertigung für sein Handeln: Nationalcoach Jorge Jesus habe "sein Wort gebrochen", gleich zweimal. Und einen weiteren Wortbruch habe der Superstar nicht hinnehmen wollen.
Beinahe minutiös dröselte Ronaldo auf, wie er die vergangenen Tage rund um die Nations-League-Partien gegen Wales am 24. September, drei Tage darauf in Norwegen und am 1. Oktober in Dänemark, wo er nach seiner Abreise schon nicht mehr im Kader stand, aus seiner Sicht erlebt hatte. Zusammengefasst: Jesus habe sich nicht an Absprachen gehalten, wie Ronaldo in den Partien zum Einsatz kommen solle. Dass der Angreifer vom Saudi-Klub al-Nassr vor dem Gastspiel gegen die Dänen schließlich die Flucht ergriff, habe daran gelegen, dass er zuvor gegen Norwegen nicht wenigstens eingewechselt worden sei.
Akzeptanz für Verbandsstrafe
Die Hintergründe der Nicht-Berücksichtigung gegen die Skandinavier habe Jesus auf der Pressekonferenz vor dem Dänemark-Spiel transparent erklären sollen, so sei es laut der Darstellung Ronaldos vereinbart gewesen. Doch der Auftritt Jesus' vor den Journalisten "hatte nichts mit unserem Treffen zu tun", erklärte Ronaldo, "ich hörte Äußerungen und erlebte eine Aggressivität, die ich meiner Meinung nach nicht verdient hatte - eine hochmütige und arrogante Haltung".
Sein eigenes Fehlverhalten versuchte der 41-Jährige gar nicht erst wegzudiskutieren, er entschuldigte sich bei den Portugiesen und seinen Teamkameraden. Eine Sperre, die vom Verband gegen ihn verhängt werden könnte, würde er akzeptieren. Aber: Er wolle weiterhin zur Verfügung stehen, um für Portugal zu spielen. Was nach der harschen Anklage gegen den eigenen Coach Jorge Jesus freilich die Frage aufwirft: Wie soll das gehen?
Der Konflikt zwischen Trainer und Star jedenfalls ist durch das ellenlange Statement keineswegs ausgeräumt, vielmehr scheint die Posse auf die nächste Eskalationsstufe zuzulaufen - verbunden mit der Frage: Du oder ich? Dabei hatte Jesus Ronaldo zuletzt die Tür geöffnet und gesagt: "Wenn er will, kehrt er in die Nationalmannschaft zurück... wir können vor der nächsten Nominierung darüber sprechen, aber die Entscheidung liegt bei Cris."
Ein Annäherungsangebot, das Ronaldo am Tag des hochemotionalen Abschieds von Lionel Messi im argentinischen Nationaltrikot energisch abschmetterte. Und so droht der Laufbahn von CR7 im portugiesischen Dress nach 234 Spielen und 146 Toren weiterhin ein hässliches Ende - wenngleich das letzte Wort im Machtkampf noch lange nicht gesprochen scheint.
