Ausfall von "Chaos-Faktor" Doku verschärft belgische Fragezeichen vor dem Iran-Spiel

Belgien muss gegen den Iran auf Jérémy Doku verzichten.
Belgien muss gegen den Iran auf Jérémy Doku verzichten.REUTERS/Lee Smith

Geschwächt durch eine hartnäckige Atemwegsinfektion und nach einem blassen Auftritt gegen Ägypten steht es fest: Jérémy Doku fällt für das wegweisende zweite Gruppenspiel der Roten Teufel gegen den Iran in Los Angeles offiziell aus. Für Nationaltrainer Rudi Garcia ist das ein Rückschlag. Er verliert kurz vor dem Pflichtsieg-Duell seine schärfste Waffe im Angriff – und das in einer Partie, in der für Belgien der WM-Traum auf dem Spiel steht.

Schon beim zähen 1:1-Auftakt gegen Ägypten in Seattle lief beim City-Star wenig zusammen. Die Zahlen sprachen Bände: Fünf gezogene Fouls, nur ein einziger Schlüsselpass, ein Schuss am Tor vorbei und kein einziges erfolgreiches Dribbling in 86 Minuten. Werte, die Lichtjahre von dem entfernt sind, was der belgische Wirbelwind normalerweise anbietet. Noch kurz vor dem Turnier hatte er beim 5:0-Testspielsieg gegen Tunesien mit zwei Assists eine Gala-Form angedeutet.

Bei Manchester City avancierte der Ex-Rennais in dieser Premier-League-Saison mit durchschnittlich 2,8 erfolgreichen Dribblings pro Partie zum vereinsinternen Spitzenreiter und glänzte zudem mit 1,8 Schlüsselpässen pro Spiel. Gegen Ägypten erlebten die Fans jedoch einen völlig isolierten Doku. Von den Verteidigern Ahmed Fatouh und Mohamed Hany komplett aus dem Spiel genommen und von Atemproblemen sichtlich gehemmt, rotierte er wirkungslos von links nach rechts und schließlich ins Zentrum als falsche Neun.

Der Grund für den Leistungsabfall: Ein Rückfall der Atemwegsinfektion, die ihn bereits im ersten Trainingslager in Seattle ausgebremst hatte. Zwar versuchte das medizinische Team der Belgier, die Symptome konservativ zu lindern, doch bei Belastung streikt Dokus Körper weiterhin. Nach Los Angeles reiste er zwar noch mit, musste das Abschlusstraining am Freitag jedoch abbrechen. Am Samstagabend folgte die Gewissheit: Doku passt. Garcia muss improvisieren.

Die strukturelle Abhängigkeit

Wie schwer der Ausfall wiegt, machten die Worte von Thibaut Courtois nach dem Ägypten-Spiel deutlich: "Ich habe nach dem Abpfiff mit Marmoush gesprochen. Er erzählte mir, ihr gesamter Plan habe darauf basiert, Doku zu doppeln und De Bruyne gar nicht erst ins Spiel kommen zu lassen."

Die ägyptische Taktik ging auf. Die beiden kreativen Lebensversicherungen der Belgier waren abgemeldet. Das glückliche 1:1 war letztlich einem Eigentor von Mohamed Hany geschuldet – erzwungen durch den eingewechselten Romelu Lukaku, der als einziger Belgier gegen eine müde Defensive noch Akzente setzen konnte.

Um bei einem großen Turnier zu thronen, fehlte den Belgiern in der Vergangenheit oft der eine Freigeist, der ein Spiel im Alleingang entscheidet. Im 2026er-Kader sollte Doku genau dieser X-Faktor sein. Selbst Pep Guardiola schwärmte zuletzt von Dokus speziellem "Chaos-Faktor", der die chirurgische Präzision von Kevin De Bruyne perfekt ergänzt und gegnerische Ballverluste blitzschnell in tödliche Konter verwandelt.

Dass der 24-Jährige gereift ist, bewies sein brutaler Endspurt bei den Skyblues: In sechs Einsätzen Ende April traf er laut Opta fünfmal selbst und legte zwei Tore vor – genauso viele Scorerpunkte wie in den 24 Partien zuvor. Mit insgesamt 47 Einsätzen (8 Tore, 11 Assists) stand er im clubinternen Finale für die Wahl zum Spieler des Jahres, an der Seite von Nico O'Reilly und Abdukodir Khusanov.

Wer ersetzt den Unruhestifter?

Zwar hat Garcia acht Angreifer im Aufgebot, doch keiner verkörpert Dokus Profil. Die naheliegendste Option wäre Leandro Trossard. Der Arsenal-Profi ist links gesetzt; ihn auf die Doku-Seite zu ziehen, würde Belgien rechts jedoch der Breite berauben. Genau dieses taktische Wechselspiel zwischen den Flügeln und dem Zentrum hatte Garcia gegen Ägypten ohne Erfolg versucht.

Weitere Optionen für die Startelf:

Dodi Lukebakio (Benfica Lissabon): Der Ex-Herthaner bringt die nötige Dynamik und das Tempo für die Tiefe mit und kann auf beiden Flügeln agieren. Er wäre der direkteste Eins-zu-Eins-Ersatz.

Alexis Saelemaekers (AC Mailand): Er besticht durch Torinstinkt und Spielübersicht, interpretiert die Rolle auf den Außenbahnen allerdings eher als einrückender Mittelfeldspieler denn als klassischer Schienenspieler.

Diego Moreira (Racing Straßburg): Der 21-jährige Linksaußen ist unter Garcia kein Stammspieler. Da er im Verein permanent zwischen inversem Rechtsaußen und linker Schiene pendelte, fehlt ihm womöglich die Bindung für sein WM-Debüt.

Matías Fernández-Pardo (LOSC Lille): Der gebürtige Brüsseler ersetzte Doku gegen Ägypten in den Schlussminuten. Obwohl gelernter Linksaußen, blühte er in Lille zuletzt als echte Neun auf. Zudem schwingt bei dem Debütanten, der lange mit einem Verbandswechsel zur spanischen Roja liebäugelte, das Risiko der fehlenden Länderspiel-Erfahrung mit.

Die Lukaku-Variante

Die radikalste Alternative für Garcia: Verzicht auf einen echten Linksaußen und die direkte Nominierung von Romelu Lukaku als Sturmspitze, während Charles De Ketelaere als hängende Spitze agiert. Der Angreifer von der SSC Neapel brauchte gegen Ägypten nach seiner Einwechslung in der 66. Minute gerade einmal 22 Sekunden, um mit seiner physischen Präsenz das Eigentor zu erzwingen.

Diese Systemumstellung auf ein kompakteres Zentrum hätte jedoch ihren Preis: Belgien würde die linke Außenbahn als primäre Angriffsfläche verlieren. Das gewohnte 4-2-3-1 würde extrem eng werden, was wiederum Kevin De Bruyne die Anspielstationen für seine gefürchteten Pässe in die Tiefe nimmt.

Zudem bleibt Lukakus Fitness das größte Fragezeichen. Nach einer komplizierten Saison in Neapel reiste der Topstürmer angeschlagen zur Weltmeisterschaft. Garcia gab bereits zu, dass Lukaku eigentlich für die K.o.-Phase geschont werden sollte und aktuell keine 90 Minuten im Tank hat. Das Problem: Um die K.o.-Runde überhaupt zu erreichen, zählt gegen den Iran nur ein Sieg. Ansonsten droht den Roten Teufeln das vorzeitige WM-Aus.

Zum Match-Center: Belgien vs. Iran