Von Uli Hoeneß über Lothar Matthäus bis hin zu Philipp Lahm und Matthias Sammer: Die Fußball-Nation stört sich an den öffentlichen Auftritten des obersten Spiel-Erklärers. Sogar dann, wenn der - wie am Samstag im Aktuellen Sportstudio des ZDF zur Causa Manuel Neuer - viel redet, aber gar nichts sagt. Nagelsmanns Verhalten in der aus dem Nichts wieder aufgeflammten Debatte um die mögliche Rückkehr des einstigen Weltmeister-Torwarts hat das Image des Bundestrainers schon jetzt schwer beschädigt.
Der frühere Weltklasse-Torhüter Oliver Kahn nannte es "schon abenteuerlich", dass Nagelsmann vor der Bekanntgabe seines viel diskutierten WM-Kaders am Donnerstag (13.00 Uhr) über einen Torwarttausch grüble - und gab Grundsätzliches zu bedenken: "Wie glaubwürdig, wie verlässlich sind denn jetzt Aussagen, wenn sie hier in Zukunft kommen?"
Nach Causa Undav: Nagelsmann in der Glaubwürdigkeitskrise
Ein Bundestrainer in der Glaubwürdigkeitskrise - knapp vier Wochen vor dem WM-Auftakt gegen Außenseiter Curacao in Houston. Nagelsmann hat ein Problem! Dabei galt der 38-Jährige doch immer als großer Kommunikator. Dieses Bild hat längst Risse bekommen. Schon in München, wo Nagelsmann auch über seine mitunter arg selbstbewusste Art stolperte. Aber auch im neuen, größten Amt.
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Schon seine vollmundige Ansage nach der Heim-EM, dass es nun zwei Jahre dauere, "bis man Weltmeister wird", stieß manchem sauer auf. Seither unterliefen Nagelsmann immer wieder grobe Patzer in der Außendarstellung, verstärkt in der jüngsten Vergangenheit. Sei es mit seiner Spieler-Einzelkritik im kicker, bei seinem Umgang mit Deniz Undav, als er eben jene Glaubwürdigkeit als Hauptgrund für die fixe Jokerrolle des VfB-Stürmers im DFB-Team anbrachte, oder eben in der leidigen Torwartfrage.
Kann Nagelsmann das Land mitreißen?
Nagelsmann fehle ein bisschen "diese Bereitschaft, zuzuhören und anzunehmen", meinte Bayern-Patron Hoeneß und warf ihm unverhohlen Selbstgefälligkeit vor. "Unser Bundestrainer glaubt, er gewinnt das Spiel. Nein, die Mannschaft gewinnt das Spiel." Sammer verwies auf Bayern-Coach Vincent Kompany als klügeren, besseren Kommunikator und beschrieb einen Bundestrainer, der bei seinen Auftritten stets zu viel wolle. "Die WM" aber, betonte er, "wird nicht mit Worten gewonnen."
Die Verantwortlichen beim Deutschen Fußball-Bund beeilten sich, ihren wichtigsten Angestellten in Schutz zu nehmen. "Ganz so schlecht ist unser Trainer nicht, wie der ein oder andere erklärt", meinte Geschäftsführer Andreas Rettig. Rudi Völler äußerte sich ähnlich, wobei man beim Sportdirektor fast eine Ermahnung an Nagelsmann heraushören konnte: "Als Bundestrainer muss man wissen, dass die ganze Nation bestimmte Entscheidungen hinterfragt. Da muss man Kritik aushalten können - auch die von Uli Hoeneß."
Während Nagelsmann tapfer versicherte, er erkenne in jeder Kritik "ein Fünkchen Wahrheit" und sei keineswegs beratungsresistent, forderte der Boulevard für den Tag der Nominierung den nächsten Ruck-Moment. "Der Bundestrainer", schrieb Bild am Montag, "muss jetzt das Land mitreißen!" In der Rolle als großer Kommunikator.
