Den Torjubel sollten Moritz Seider und Co. schon einmal proben - für die Kameras. Was beim Fotoshooting kurz vor dem WM-Start noch ein wenig gezwungen wirkte, sollte ab Freitag möglichst häufig spontan zu sehen sein. Denn die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft steht nach dem Vorrunden-Aus im Vorjahr und der Olympia-Enttäuschung von Mailand unter Erfolgsdruck - vor allem Bundestrainer Harold Kreis.
"Es ist Teil des Geschäfts: die Ergebnisse, wie tritt die Mannschaft auf, leben wir unsere Werte und Identität? Nach dem Turnier wird das dann diskutiert und entschieden", sagte Kreis vor dem Auftaktspiel am Freitag (16.20 Uhr/ProSieben und MagentaSport) gegen den Olympiadritten Finnland im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID), "aber das beeinträchtigt mich jetzt nicht in meiner Arbeit, das belastet mich nicht heute. Ich mache das schon lang genug."
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"Leistungen sind runtergegangen"
Der Deutsch-Kanadier, der 187 Länderspiele bestritt, ist seit 28 Jahren Trainer, wurde zweimal Meister in der Schweiz, andernorts gefeuert. Verspürt er beim Turnier in Zürich und Fribourg mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft besonderen Druck? "Nein." Doch er kennt die Mechanismen im Profisport.
Nach seinem sensationellen Start mit WM-Silber 2023 ist die Tendenz fallend. Viertelfinale 2024, Vorrunde 2025 - und mit der vermeintlich "besten Nationalmannschaft aller Zeiten" um Superstar Leon Draisaitl das enttäuschende Viertelfinal-Aus bei Olympia gegen die Slowakei. "Man muss ehrlich sein, die Leistungen sind runtergegangen", sagte Stürmer Dominik Kahun, der letzte verbliebene doppelte Silbermedaillengewinner von Olympia 2018 und der WM 2023 im Team, dem SID.
"Soll ich jetzt bestätigen, dass die Mannschaft unter mir immer schlechter wird?", fragte Kreis lachend - und betonte: "Rein am Ergebnis gemessen, haben wir seit 2023 vielleicht nicht den Fortschritt gemacht, den sich einige vorgestellt haben. Aber wir sind Jahr für Jahr eine Mannschaft, die in die WM hineingeht, um erstmal das Viertelfinale zu erreichen und dann zu sagen: Jetzt gehen wir aufs Ganze. Das hat sich überhaupt nicht verändert."
Doch die Anfangseuphorie ist verflogen. Auf die Stimmung in Eishockey-Deutschland drückte vor allem das Olympia-Turnier mit allen NHL-Stars, das trotz Platz sechs auch von den Spielern als "riesige Enttäuschung", so Kahun, gewertet wurde. Die Kritik an Kreis war groß: zu viel Eiszeit und Verantwortung für Draisaitl und Co., zu geringe Rollen für die anderen, die Absetzung des langjährigen Kapitäns Moritz Müller, eine zu riskante Spielweise.
In Mailand fehlte die "Identität"
Müller, der in Zürich nicht auf dem Eis, sondern für MagentaSport als Experte vor der Kamera steht, wiederholte seine Kritik, dass in Mailand "ein Teil der Mannschaft auf bestimmte Jungs" geschaut habe, "und bestimmte Jungs das Gefühl, es alleine richten zu müssen", hatten. Kahun merkte an: "Das Kompakte, das uns sonst ausmacht, war nicht so da." Auch die NHL-Profis Draisaitl und Nico Sturm vermissten die "Identität" auf dem Eis.
"Die Liste der Dinge, die wir hätten besser machen können, war etwas länger", gab Kreis mit Blick auf die Olympia-Analyse zu und erläuterte: "Unsere Tugenden sind Leidenschaft, Kampfgeist, Zusammenhalt - die sind ja nicht verloren gegangen, sie waren vielleicht ein bisschen eingestaubt, weil man sie nicht immer wieder in Erinnerung gerufen hat."
Das habe aber nichts mit den deutschen NHL-Stars zu tun, sondern eher mit der fehlenden Olympia-Vorbereitung. Das sei nun anders: "Ich habe das Gefühl, dass die Spieler sie jetzt auch leben, es sind nicht nur beliebige Begriffe." In Zürich hat Kreis in Seider nur einen absoluten NHL-Star zur Verfügung. Nach zahlreichen Absagen stehen lediglich 13 Olympia-Teilnehmer im WM-Aufgebot. Das Team rückt wieder in den Mittelpunkt - wie 2023, als Kreis auch viele Leistungsträger fehlten.
