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Offensivstark, vertikal und unberechenbar: Das Märchen von Frosinone Calcio

Giacomo Calò (l.) und seine Mitspieler von Frosinone feiern ein Tor gegen Turin.
Giacomo Calò (l.) und seine Mitspieler von Frosinone feiern ein Tor gegen Turin.DOMENICO CIPPITELLI / NURPHOTO VIA AFP

Sechster Tabellenplatz und der drittbeste Angriff der Serie A: Massimiliano Alvinis Frosinone Calcio ist die Mannschaft der Stunde in Italien. Doch nach der Verletzung von Toptorjäger Antonio Raimondo steht das Kollektiv vor seiner bislang härtesten Zerreißprobe.

Die Autobahn zwischen Rom und Neapel gehört zu den meistbefahrenen Lebensadern Italiens. Sie führt direkt an Frosinone vorbei – einem Ort, der internationalen Fußballfans lange Zeit kaum ein Begriff war. Einst nur eine namenlose Provinzstation auf der Durchreise, mischt der Klub aus Latium dank mitreißender Leistungen heute die Elite des italienischen Fußballs auf.

Als krasser Außenseiter rangiert Frosinone derzeit auf einem beachtlichen 6. Platz, mit drei Punkten Vorsprung auf Schwergewichte wie Juventus Turin und den SSC Neapel.

Die Tabellenspitze
Die TabellenspitzeFlashscore

Spätestens seit dem souveränen 2:0-Erfolg gegen Turin am vergangenen Spieltag ist klar: Dieses Team setzt Statements. Zuvor fegte Alvinis Elf bereits Lecce mit 5:1 vom Platz, erkämpfte in einem spektakulären 4:4 bei Atalanta Bergamo einen Punkt und schlug Sassuolo mit 4:2.

Die Zahlen sprechen für sich: Mit 24 Treffern stellt Frosinone gemeinsam mit Tabellenführer Lazio den drittbesten Angriff der Liga. Doch wie wurde aus dem sicheren Abstiegskandidaten Italiens spannendstes Fußballprojekt?

Vertikaler Mut statt Ballbesitzwahn

Frosinone überlässt dem Gegner gerne den Ball, das zeigt ein durchschnittlicher Ballbesitz von nur 42,6 Prozent. Doch die Spielkontrolle definiert Alvinis Mannschaft nicht über Passquoten, sondern über aggressive Arbeit gegen den Ball. Sobald der Gegner aufbaut, greift ein extrem flexibles 4-2-3-1: Überfallartiges Pressing provoziert frühe Ballverluste, um den Weg zum gegnerischen Tor so kurz wie möglich zu halten.

Im Mittelfeld zieht Giacomo Calò die Fäden. Der Spielmacher traf zuletzt in vier aufeinanderfolgenden Einsätzen und profitiert von den unermüdlichen Läufen seiner Mitspieler.

Frosinones letzte Spiele
Frosinones letzte SpieleFlashscore

Für eine Mannschaft, die eigentlich um den Klassenerhalt spielt, ist dieser mutige Ansatz ungewöhnlich. Er beschert dem Klub jedoch nicht nur eine komfortable Ausgangslage im Tabellenkeller, sondern auch einen enormen Unterhaltungswert. Umschaltmomente werden kompromisslos ausgespielt: Nach Ballgewinn folgt der direkte Pass in die Spitze oder die Verlagerung auf die dynamischen Flügelstürmer Giorgi Kvernadze und Fares Ghedjemis, die vom Ex-Bremer Romano Schmid auf der Zehn glänzend in Szene gesetzt werden.

Torgefährliches Kollektiv mit schmalem Budget

Obwohl Frosinones größte Stärke im Kollektiv liegt, ragte Antonio Raimondo bislang heraus. Der 20-jährige Angreifer erzielte in zehn Spielen acht Tore – ein Drittel aller bisherigen Treffer des Klubs. Seine Knöchelverletzung, die ihn nun über einen Monat außer Gefecht setzt, trifft die Mannschaft hart. An der Grundphilosophie wird Trainer Alvini dennoch festhalten. Gegen Cagliari dürfte der 26-jährige Rumäne Daniel Birligea übernehmen, der in seinen bisherigen fünf Einsätzen bereits zweimal knipste.

Dass der Ausfall verkraftbar sein könnte, zeigt die Breite im Kader: Frosinone ist ligaübergreifend das Team aus den europäischen Top 5, bei dem die meisten unterschiedlichen Akteure an mindestens fünf Toren beteiligt waren.

Dieses spektakuläre Kollektiv glänzt zudem mit extremer Wirtschaftlichkeit: Die Viererkette in der Offensive aus Ghedjemis, Schmid, Kvernadze und Raimondo kostet den Klub zusammen nicht einmal 2,4 Millionen Euro Bruttogehalt im Jahr.

Ein Märchen entgegen aller Klischees

Völlig ohne Druck genießt die Gelb-Blaue Mannschaft die erfolgreichste Phase ihrer Vereinsgeschichte und hält ganz nebenbei mit den großen Hauptstadtklubs Schritt, an die sie über Jahrzehnte hinweg viele lokale Fans verlor.

Wie lange dieser Lauf anhält, bleibt abzuwarten. Doch was Frosinone im Benito-Stirpe-Stadion derzeit bietet, ist mitreißender Fußball reinster Güte. Es ist ein Märchen, das mit allen typischen Klischees des defensiven italienischen Fußballs bricht – und genau deshalb noch viel mehr Anerkennung verdient.

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