22 Jahre nach dem legendären EM-Triumph von 2004, als ein Außenseiterteam ohne große Namen alle Erwartungen übertraf und ein Sommermärchen schrieb, das selbst Homer kaum poetischer hätte ersinnen können, tankt Griechenland wieder Selbstvertrauen.
Die Fußball-Leidenschaft im Land der Hellenen ist ungebrochen. Das zeigt sich nicht nur am emotionalen Support in den Stadien, sondern im gesamten Straßenbild: von der Metropole Athen über die Küstenstadt Thessaloniki bis hin zu Volos, einer vergleichsweise kleinen, aber enorm ertragreichen Talentschmiede.
Griechenland auf dem Papier (erneut) Außenseiter
Begeisterung und Spielfreude – das sind die beiden Kerneigenschaften, die Ivan Jovanovic von seiner Mannschaft in der Nations League 2026/27 sehen will. Der kontinentale Wettbewerb soll als Sprungbrett für das große Ziel dienen: die Qualifikation für die EURO 2028.
Zum Match-Center: Serbien vs. Griechenland
Auch wenn der Weg lang ist und die Gruppengegner auf dem Papier als Favoriten gelten: Die Energie im griechischen Kader ist spürbar. Sie speist sich aus exzellenter Ausbildung und herausragender Spielkultur. Die anstehenden Auftaktpartien werden bereits richtungsweisend für das Potenzial dieses Teams sein.

Die Nations League wird zum echten Härtetest. Erstmals ist Griechenland in die höchste Spielklasse, die Liga A, aufgestiegen. Für die ersten vier Begegnungen gegen Serbien, Deutschland und die Niederlande hat Jovanovic einen 26-Mann-Kader nominiert. Einer der spannendsten Akteure im Aufgebot ist Christos Tzolis. Mit seinen 24 Jahren zählt der ehemalige Düsseldorfer bereits zu den absoluten Führungsspielern im Angriff.
Der Flügelstürmer wechselte kürzlich für 40 Millionen Euro von Club Brügge zum Premier-League-Giganten Arsenal. Für die Nationalelf absolvierte er bereits 34 Länderspiele (neun Tore) und glänzte in der vergangenen EM-Qualifikation mit drei Treffern in sechs Partien. Unter Arsenal-Coach Mikel Arteta fasst er schnell Fuß – im griechischen Spiel verkörpert er bildlich gesprochen einen der Flügel der Siegesgöttin Nike.

Während Tzolis für die Generation steht, die bereits in der europäischen Elite angekommen ist, verkörpert Konstantinos Karetsas die Zukunft. Das offensive Mittelfeld-Juwel (Jahrgang 2007) wechselte vom KRC Genk zu Borussia Dortmund, wo er einen Langzeitvertrag bis 2031 unterschrieb. In der abgelaufenen Saison glänzte er in Belgien mit 11 Vorlagen. Trotz seiner erst 18 Jahre kommt er bereits auf zehn A-Länderspiele und drei Tore.
Der in Belgien aufgewachsene Profi spricht die Sprache seiner griechischen Eltern fließend. Mit seinem starken linken Fuß kommt er meist über die rechte Seite – das perfekte Gegenstück zu Tzolis auf dem linken Flügel.
Tore im Blut: Der Aufstieg der Youngster
Karetsas ist nicht das einzige Talent dieser neuen Generation. Auch Charalampos Kostoulas (ebenfalls Jahrgang 2007) sorgt aktuell für Schlagzeilen. Der Stürmer von Brighton & Hove Albion verzückt derzeit die Premier League – unter anderem mit einem Treffer beim beeindruckenden 3:0-Sieg gegen Arsenal Mitte September. Es war sein dritter Treffer innerhalb von nur acht Tagen.

Der Sohn einer griechischen Abwehrlegende entschied sich gegen das Verhindern von Toren und schlug den Weg als Torjäger ein (sein älterer Bruder Konstantinos verteidigt hingegen bei OFI Kreta). Kostoulas gilt aktuell als Mann der Stunde. Im Sturmzentrum steht Jovanovic zudem die Erfahrung von Vangelis Pavlidis (Benfica Lissabon, 57 Länderspiele/10 Tore) sowie Tassos Douvikas zur Verfügung, der beim ambitionierten italienischen Klub Como eine Schlüsselrolle einnimmt.
Aufbruchstimmung nach langer Durststrecke
Das Gesamtbild zeigt eine Mannschaft im gesunden Umbruch. Neben erfahrenen Stützen wie Odysseas Vlachodimos, Kostas Tsimikas und Giorgos Masouras baut Jovanovic konsequent auf Talente mit internationaler Klasse. Es ist kein Zufall, dass Youngster wie Karetsas, Tzolis, Kostoulas oder auch der vielversprechende Torwart Konstantinos Tzolakis bei europäischen Topklubs unter Vertrag stehen.
Die Hauptaufgabe besteht nun darin, diese individuelle Qualität im Nationaltrikot auf den Platz zu bringen. Die letzte EM-Teilnahme Griechenlands liegt bereits bis 2012 zurück, die letzte WM-Teilnahme datiert aus dem Jahr 2014. Für die leidenschaftlichen Fans war das eine schmerzhaft lange Durststrecke.
Doch der Glauben an einen Neuanfang ist zurück. Im stimmungsgeladenen Marakaná von Belgrad steigt nun der erste Akt – und ganz Griechenland hofft auf den erfolgreichen Auftakt zu einem neuen Kapitel der eigenen Fußballgeschichte.
